Früher haben wir Kinder unseren Vater häufiger zu seinen Kriegserlebnissen befragt. Seine Erzählungen begannen anfangs mit eher harmlosen Geschichten. So erzählte er als die lustig­ste Begebenheit aus seiner Rekrutenzeit den Vorfall vom Kaiser-Geburtstag, 17. Januar 1917. Wegen des hohen Feiertages gab es ein Festessen, das mit einem besonderen Nachtisch en­dete. Papa hatte schon vom Hauptgang genug genossen, so dass er auf den letzten Gang ver­zichtete. Einige wenige taten dies ebenso und wurden dafür unerwartet belohnt.

Etwa eine halbe Stunde nach dem Essen herrschte zunehmend eine merkwürdige Bewegungs­weise fast des gesamten Personals der Kaserne. Die Personen liefen mit gebeugter Haltung sehr schnell etwa zehn Schritte und bleiben ruckartig sich total zusammenkrümmend stehen, um kurz darauf wieder hochzuschnellen und den nächsten verkrampften Lauf anzuschließen. Ziel der hektischen Bewegungen waren die Latrinen, auf denen die Männer sich mindestens in Dreierreihen die Seele aus dem Leibe schissen. Grund dafür war ein verdorbener Nachtisch. Für die wenigen nicht Betroffenen, darunter unseren Vater, wirkte die gesamte Szene wie auf­gedrehter Slapstick und die „gesunden“ Personen konnten sich wegen der Komik nur vor La­chen ausschütten. Besonders komisch wirkte, dass die weihevolle Feier für den abgehobenen Kaiser durch die totale Pleite ad Absurdum geführt wurde.

Anfangs war die Verlegung an die Westfront auch noch mit gemütlicher Etappe verbunden. Zum Quartiermachen wurden Häuser der französischen Bevölkerung aufgesucht und die Sol­daten machten es sich in den Ehebetten der Bewohner gemütlich, während diese ausquartiert wurden.

Bald jedoch kam er in die vordersten Reihen der Front und musste sich in einem Abschnitt der Somme im Morast eingraben. An diesem Frontabschnitt waren die Gegner im Wesentlichen Engländer. Es folgen lange Monate des Stellungskrieges mit Sturmversuchen unter Artilleriebeschuss und Wiedereingraben unter Lebensgefahr. In den langen Kämpfen musste er mehrfach einen Gasangriff mit unterschiedlicher Munition durchstehen. Aus einem (später) glücklichen Umstand hatte er sich einmal eine Bindehautentzündung zugezogen, die wegen der ungünsti­gen Witterungsbedingungen sehr unangenehm war. Plötzlich spürte er ein Ziehen an den ge­reizten Schleimhäuten und konnte für sich und seine Kameraden gerade noch rechtzeitig Gas­alarm vor dem heimtückischen, „Gelbkreuz“ geben. Einmal verletzte ihn ein Granatsplitter am Hals mit einer stark blutenden Verwundung am Hals, die während des Ta­geslichtes nicht ärztlich versorgt werden konnte, und er wäre fast verblutet. Zusammenfassend kann man vermuten, dass Papa diese Hölle wohl auch deswegen überlebt hat, weil seine vorher gut entwickelten praktischen Fähigkeiten ihm auch in schwierigsten Situationen zur Seite ge­standen haben.

Nach der Kapitulation in diesem Abschnitt kam er in englische Gefangenschaft und blieb lange dort bis Ende September 1919. Auch während der Gefangenschaft bewährte sich Papa als kleiner Tausendsassa, der sich mit sinnvollen Lösungen vielfach nützlich machte. So über­nahm er z.B. die technische Leitung und die Ausstattung für ein Theaterstück, das die Kriegs­gefangenen im Lager aufführten. Am Tage der Aufführung stand wie durch Zauberei ein komplettes Theater mit Bühne, Kulissen und Vorhang, obwohl es in dem total zerstörten Ge­lände nichts gab, noch nicht mal Wolldecken. Doch 10 Wolldecken, woher auch immer, bil­deten den Vorhang.

Seine tief greifenden Kriegserfahrungen haben Papa vermutlich darin sicher gemacht, dass es das Wort „unmöglich“ für ihn nicht gibt und dass er auch für schwierigste Situationen berufen ist, einfache Lösungen zu finden.