Webergasse 26

Hier wohnte Dr. Martin Baer, geboren am 20. September 1885 in Coburg.

Dr. Martin Baer besuchte das Gymnasium Casimirianum. Nach dem Abitur studierte er Jura und betrieb zusammen mit seinem Bruder Moritz Baer eine Rechtsanwaltskanzlei in der Spitalgasse 4. Die beiden Anwälte waren Juden, ihre Mitarbeiter und Mandanten waren überwiegend Christen. Schon in den 20er Jahren gaben sie vielen Coburgern, die mit den Nazis in Konflikt geraten waren, Rechtsbeistand. Als 1931 die Coburger Sozialdemokraten wegen eines nächtlichen Überfalls vor Gericht gegen die Nazis antraten, wurden sie von Dr. Martin Baer verteidigt. Die „Bayerische Ostmark“ berichtete, dass die Baer-Bruder es sogar nach der Machtergreifung noch „wagten, eine gerichtliche Verfügung gegen ein Wahlplakat der NSDAP zu erwirken, das im ganzen Reich verbreitet war“.

Vor allem Dr. Martin Baer bekam den Hass der Nationalsozialisten zu spüren. Am 12. März 1933 drangen die Nazis hier in sein Haus ein und schleppten ihn ins Rathaus. Dort musste er ein Spalier von SS-Leuten durchschreiten, die ihm dabei mit Gummiknüppeln auf den Kopf schlugen. Als er bewusstlos zusammenbrach, brachte man ihn ins Krankenhaus. Am 15. März wurde er dort wieder entlassen. In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde Baer erneut von den Nazis misshandelt. Als die SA-Leute den Anwalt beim Spitaltor laufen sahen, schrieen sie: „Dort ist der Jude Baer, los, drauf!“ Im selben Moment fuhren Soldaten vorbei, die Dr. Martin Baer vergebens um Hilfe bat. Die SA-Leute holten ihn ein und schlugen ihn mit einem Eisenstock zusammen. Anschließend brachte man ihn zur Polizei, wo er nochmals mit Fußtritten misshandelt wurde. Der Schläger soll sich nach der Tat gebrüstet haben: „Hier, betrachtet meine Hand, das ist Judenblut!“ Wie schlimm die Misshandlungen gewesen sein müssen, geht aus einem Bericht der Jüdin Anne Rubin hervor, die die Ereignisse als kleines Mädchen miterleben musste. Sie schrieb: „Noch heute schaudere ich, wenn ich mir das bestimmte Muster von roter Farbe vergegenwärtige. Damals war es natürlich keine Farbe, es war das Blut auf dem Gesicht von Dr. Martin Baer, einem Freunde meiner Eltern, der nicht schnell genug den Befehlen der SA gefolgt war.“

Mit ihren antijüdischen Parolen vertrieben die Nazis den Baers nach und nach alle Mandanten. 1938 mussten die Brüder ihre Kanzlei schließen. Sie verkauften alles, was sie besaßen und flüchteten aus Coburg. Dr. Martin Baer ging zunächst nach London, zu seinem Sohn Hans, der die Heimat bereits 1937 verlassen hatte und in England studierte. Nachdem die Baers eine Einwanderungsbewilligung für die Vereinigten Staaten erhalten hatte, gingen sie nach New York. Hans Baer wurde unterdessen im Krieg verhaftet und in ein Kriegsgefangenenlager nach Australien gebracht. Nach eineinhalb Jahren wurde er freigelassen und besuchte seine Eltern in Amerika. Auf der Rückfahrt von New York nach England wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt und Hans Baer starb. Kurz darauf, im Jahr 1942, verstarb auch Dr. Martin Baer im Alter von 58 Jahren. Grund für seinen frühen Tod dürften die vielen Schicksalsschläge gewesen sein, die er durch die deutsche Rassen- und Kriegspolitik erleiden musste.

Pate: Coburger Anwaltverein