Judengasse 8

Hier wohnten und arbeiteten Wolf Baumwollspinner, geboren am 15. September 1882 und sein Sohn Hermann Baumwollspinner, geboren am 25. August 1912 in Coburg.

Wolf Baumwollspinner war Kaufmann und betrieb hier in diesem Haus seit 1907 ein Textilwarengeschäft. Hermann Baumwollspinner arbeitete bei seinem Vater mit im Laden. Am 25. März 1933 wurde Hermann Baumwollspinner von SA-Leuten verhaftet und in die alte Herberge neben dem Rathaus gebracht. Dort wurde er – nach Aussage von Zeugen – mindestens einmal aufs schwerste misshandelt. Grund für die Misshandlungen war vermutlich einzig und allein seine jüdische Abstammung.

Nach diesen schrecklichen Erlebnissen verließ Hermann Baumwollspinner 1934 seine Heimatstadt und ging nach München. Wolf Baumwollspinner blieb in Coburg, obwohl sein Geschäft in immer größere Schwierigkeiten geriet: Aufgrund der zahlreichen Boykott-Aktionen der Nazis blieben immer mehr Kunden aus. Deshalb versuchte der Kaufmann seine Existenz mit Hausierhandel zu sichern. Dazu benötigte Baumwollspinner einen Wandergewerbeschein, den er im März 1938 beantragte. Er schrieb: „Von diesem hängt meine Existenz ab, denn das Ladengeschäft ist so gut wie nichts, und wenn ich nicht draußen die Kundschaft aufsuche, kann ich nichts verkaufen, also auch nichts verdienen, denn in meinen Laden kommt niemand. Schon wiederholt habe ich versucht, meinen Laden zu vermieten bzw. mein Geschäft zu verkaufen. Leider waren alle Bemühungen seither erfolglos (…), so dass ich eben darauf angewiesen bin, Kundschaft draußen aufzusuchen, um so das Notwendige zu verdienen (…). Die Lebensversicherungen habe ich mir zurückzahlen oder beleihen lassen, alle Spargroschen abgehoben, das Klavier verkauft etc., nur um allen gerecht zu werden.“ Trotz seiner Bitten, wurde Wolf Baumwollspinner die Ausstellung des Wandergewerbescheines verwehrt. Auch eine weitere Anfrage blieb erfolglos. Wolf Baumwollspinner wollte aber weiter für sein Recht kämpfen. Deshalb reichte er im April beim Polizeiamt Coburg frist- und formgerecht seine Beschwerde zur Vorlage bei der Regierung ein. Doch Baumwollspinner muss daraufhin so eingeschüchtert worden sein, dass er seine Beschwerde wieder zurückzog. Damit war der Familie endgültig die Hoffnung auf einen Lebenserwerb genommen. Für kurze Zeit führte der Kaufmann das Geschäft hier in der Judengasse 8 noch weiter – bis zur Reichspogromnacht: Vom 9. auf den 10. November 1938 zogen die Nazis durch die Coburger Innenstadt und zertrümmerten die Schaufensterscheiben des Ladens. Außerdem verwüsteten sie das ganze Geschäft. Kurz darauf soll Wolf Baumwollspinner – laut Wohnregisterkartei – nach Palästina ausgewandert sein. Allerdings entspricht diese Information leider nicht der Wahrheit. Genauere Recherchen haben ergeben, dass Baumwollspinner – nachdem er Coburg verlassen hatte – nach Auschwitz deportiert wurde und von dort nie mehr zurückkehrte. In den 50er Jahren wurde er schließlich für tot erklärt.

Sein Sohn Hermann Baumwollspinner war bis 1937 in München registriert. Anschließend verliert sich seine Spur. Der Name tauchte erst später wieder auf – auf einer Liste der nach Auschwitz deportierten und ermordeten Juden.

Pate Wolf Baumwollspinner: Klaus Beyersdorf

Pate Hermann Baumwollspinner: Hannelore Plentz