1933: Die Bedeutung Coburgs für die Nationalsozialisten – Coburg als Mythos und Experimentierfeld

Coburg spielte in der Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung eine herausragende Rolle. Adolf Hitler und die NSDAP konnten in der Stadt Methoden und Strategien im Kleinen erproben, der sie sich bei der Machtergreifung auf Reichsebene bedienten. Dies waren die gewaltsame Eroberung der Straßen durch die SA, die pseudolegale Machtübernahme durch demokratische Wahlen unter Mithilfe der DNVP und die Etablierung eines totalitären Regimes durch Gleichschaltung aller staatlichen, kommunalen und gesellschaftlichen Institutionen.[1]

Dass Gewalt ein Mittel zur Eroberung der Macht sein konnte, lernten die Nationalsozialisten aus ihrem Auftreten beim „3. Deutschen Tag“ in Coburg. Damals hatten Hitler und seine Mannen in mehreren Schlägereien gegen Anhänger der sozialistischen Parteien die Straßen Coburgs „erobert“ und sich die Sympathien der konservativ und nationalistisch gesinnten Coburger gesichert. Hitler selbst resümierte später in „Mein Kampf“: „Die Erfahrungen von Koburg hatten aber noch weiter die Bedeutung, daß wir nun daran gingen, planmäßig in allen Orten, in denen der rote Terror seit vielen Jahren jede Versammlung Andersdenkender verhindert hatte, diesen zu brechen und die Versammlungsfreiheit herzustellen. Ab jetzt wurden immer wieder nationalsozialistische Bataillone in solchen Orten zusammengezogen, und allmählich fiel in Bayern eine rote Hochburg nach der anderen der nationalsozialistischen Propaganda zum Opfer.“[2] Diese Selbststilisierung des Marsches auf Coburg auf insgesamt fünf Seiten entsprach nicht den Tatsachen. Weder stand die Stadt unter „rotem Terror“, schließlich regierte sie eine bürgerliche Mehrheit, noch musste hier die Versammlungsfreiheit erkämpft werden. Auch über die positive Wirkung von Gewalt auf die konservative Bevölkerung war sich Hitler bewusst. Denn er schrieb hierzu, dass viele „in der nationalsozialistischen Bewegung die Institution (sahen), die aller Wahrscheinlichkeit nach dereinst berufen sein würde, dem marxistischen Wahnsinn ein Ende zu bereiten.“[3]

Coburg kam auch aufgrund der dortigen Wahlergebnisse eine besondere Rolle zu. Den Nationalsozialisten gelang es hier 1929 zum ersten Mal in Deutschland über Wahlen die Mehrheit in einem Stadtrat zu erlangen. Auch die darauf folgenden Wahlergebnisse, die der NSDAP immer großzügige Mehrheiten bescherten, waren für Hitler der Beweis, dass „mit Anständigkeit und Sauberkeit in der Politik und der persönlichen Haltung auch auf parlamentarischem Wege eine absolute Mehrheit zu erreichen ist.“[4] Coburg spielte aufgrund des dort beschrittenen pseudolegalen, demokratisch legitimierten Wegs der NSDAP zur Macht in deren Propaganda eine besondere Rolle. Die Stadt diente als Paradebeispiel dafür, wie man auch im Reich die Macht erlangen wollte, nämlich auf „verfassungsmäßigem“ Wege. Wie man, um dieses Ziel zu erreichen, die Propaganda und die SA am geschicktesten einzusetzen hatte, konnten Hitler und seine Anhänger in Coburg erproben. [5]

Auch die nach der Machtübernahme im Reich durchgeführte Gleichschaltung aller Institutionen wurde zuvor in Coburg im Kleinen erprobt. Unmittelbar nach der Erlangung der Macht in der Stadt 1929 begannen die Nationalsozialisten der Partei nicht genehme Personen aus ihren Ämtern zu entfernen. Die prominentesten Beispiele hierfür waren der Direktor der städtischen Werke Merckel, Sparkassendirektor Konrad Soergel, die beiden Bürgermeister Ernst Altenstätter und Erich Unverfähr sowie Polizeidirektor Wilhelm Janzen.[6] Die Gleichschaltung der Coburger Stadtpolizei war das Herzstück der Machteroberung, denn dadurch konnten die Nationalsozialisten ihre Gegner ungehindert verfolgen und jegliche Opposition ausschalten.[7]

In Bezug auf die politische Opposition konnten die Nationalsozialisten in Coburg lernen, dass man durch öffentlichen Druck auf die Mandatsträger oppositioneller Parteien diese zum Einschwenken auf den nationalsozialistischen Kurs bewegen konnte. Erfolgreich führten die Nationalsozialisten diese Taktik in Coburg bei der Schaffung einer dritten Bürgermeisterstelle für Franz Schwede durch. Auch lernten die Nationalsozialisten in Coburg, dass man die Opposition durch einschüchternde Gewaltmaßnahmen auf der Straße mundtot machen konnte.[8] Heute nicht mehr verständlich ist angesichts dieses Auftretens der NSDAP die zwischen 1929 und 1932 bei den verschiedenen Wahlen ständig wachsende Stimmenzahl für Hitler und seine Partei.

Neben den Möglichkeiten des Experimentierens und der Erprobung des Legalitätskurses lag die Bedeutung Coburgs für die Nationalsozialisten auch darin, dass die Schlagzeilen, die die Hitlerbewegung dort produzierte, die NSDAP über die „Goldenen Zwanziger“ der Weimarer Republik hinwegrettete. Als in dieser Zeit die kreditfinanzierte Wirtschaft florierte, hatten die Deutschen ihren Frieden mit der ungeliebten Republik gemacht. Durch ihr Agieren in Coburg blieb die NSDAP aber auch über die „Ruhephase“ hinweg im Gespräch und konnte sich zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 als Partei präsentieren, die sich schon immer für die leidende Bevölkerung eingesetzt hatte.[9]

Wie wichtig Coburg für die nationalsozialistische Bewegung war, spiegeln auch die Ehrungen für den dortigen NSDAP-Führer Franz Schwede wider. Zum einen wurde im September 1933 die neue Ratshausglocke nach ihm benannt, zum anderen wurde ihm 1935 der Namenszusatz „Coburg“ verliehen. Aus Franz Schwede wurde dadurch Franz Schwede-Coburg.[10]

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Coburg war für die nationalsozialistische Bewegung von zentraler Bedeutung. Die Stadt diente Hitler und seiner Bewegung als Experimentierfeld und Anschauungsobjekt in Fragen von Wahlkampf, Machteroberung und Machtetablierung.[11]


[1] „Voraus zur Unzeit“. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. Katalog zur Ausstellung der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V. und des Stadtarchivs Coburg im Staatsarchiv Coburg. 16. Mai bis 8. August 2004. Coburg 2004. (= Coburger Stadtgeschichte. Band 2). S. 9; Albrecht, Joachim: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933. Frankfurt/Main 2005. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe II. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 1008). S. 12, 20.

[2] Hitler, Adolf: Mein Kampf. Zwei Bände in einem Band. Ungekürzte Ausgabe. Zweiter Band: Die nationalsozialistische Bewegung. München 1936. S. 617f. Siehe auch „Voraus zur Unzeit“. S. 119; Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 81f.

[3] Hitler, Adolf: Mein Kampf. S. 617. Siehe auch Popp, Steffen: Coburgs Weg in den Nationalsozialismus 1919-1931: Die Etablierung des völkischen Antisemitismus und der Aufstieg der NSDAP. Offenbach am Main o. J. (Online unter: https://www.complifiction.net/wp-content/uploads/2012/03/Coburgs-Weg-ins-Dritte-Reich.pdf Stand: 06. Januar 2010). S. 26.

[4] Gaede, Herbert: Schwede-Coburg. Ein Lebensbild des Gauleiters und Oberpräsidenten von Pommern. Berlin 1939. S.18. Nach Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 26.

[5] Ebenda, S. 177-179; Popp: Coburgs Weg in den Nationalsozialismus 1919-1931. S. 46.

[6] Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 177.

[7] Ebenda, S. 178.

[8] Ebenda, S. 178.

[9] „Voraus zur Unzeit“. S. 39.

[10] Ebenda, S. 26; Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 191f.; Asmalsky, Ludwig: Der Nationalsozialismus und die NSDAP in Coburg 1922-1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur Prüfung für das Lehramt an den Gymnasien in Bayern an der Universität Würzburg. Würzburg 1969. S. 20.

[11] „Voraus zur Unzeit“. S. 120;Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 176f.;Hambrecht, Rainer: Zwischen Bayern und Thüringen – Coburg von 1900 bis 1945. In: Ein Herzogtum und viele Kronen. Coburg in Bayern und Europa. Aufsätze zur Landesausstellung 1997 des Hauses der Bayerischen Geschichte und der Kunstsammlung der Veste Coburg in Zusammenarbeit mit der Stiftung der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Familie und der Stadt Coburg. Hrsg. von Michael Henker und Evamaria Brockhoff. Augsburg 1997. S. 186-196. Hier S. 194.