Am 6. Juni 1920 standen zum ersten Mal Reichstagswahlen an. In Coburg war der Wahlkampf durch die Gegensätze zwischen den extremen Rechtsparteien DNVP und DVP, die eine Listenverbindung eingegangen waren, der DDP und der SPD bestimmt. Während die DNVP/DVP die Dolchstoßlegende, die „undeutsche“ Sozialdemokratie und ihre antisemitischen Ansichten zum Wahlkampfthema machten[1], versuchte sich die DDP als bürgerlich-demokratische Partei zu präsentieren, die weder links- noch rechtsradikale Ansichten habe. Die Sozialdemokraten versuchten in ihrem Wahlkampf die Vorzüge der jungen Weimarer Republik und der Weimarer Koalition herauszustellen.[2]

Die Wahl, bei der von den 45.839 Stimmberechtigten 34.274 von ihrem Stimmrecht Gebrauch machten, was einer Wahlbeteiligung von rund 75 % entsprach (im Reich lag die Wahlbeteiligung bei rund 79 %), brachte folgendes Ergebnis[3]:

 

KPD

USPD

SPD

DDP und Deutscher Bauernbund

BVP

DNVP/DVP

Freistaat Coburg

Stimmen

%

 

379

1,11

 

4.057

11,87

 

10.842

31,72

 

6.136

17,95

 

319

0,93

 

12.451

36,42

Stadt Coburg

Stimmen

%

 

67

0,54

 

1.334

10,83

 

3.419

27,75

 

3.058

24,82

 

289

2,35

 

4.153

33,71

Bezirksamt Coburg

Stimmen

%

 

158

0,94

 

1.509

9,00

 

6.159

36,74

 

1.645

9,87

 

27

0,16

 

7.268

43,35

Stadt Neustadt bei Coburg

Stimmen

%

 

 

154

4,59

 

 

919

27,37

 

 

762

22,69

 

 

971

28,92

 

 

1

0,03

 

 

551

16,41

Stadt Rodach

Stimmen

%

 

0

0

 

282

21,19

 

373

28,02

 

299

22,46

 

0

0

 

377

28,32

Stadt Königsberg

Stimmen

%

 

0

0

 

13

3,18

 

129

31,54

 

163

39,85

 

2

0,49

 

102

24,94

Reich

Stimmen

%

 

588.334

2,10

 

4.969.334

17,63

 

6.176.682

21,92

 

2.331.557

8,27

 

1.172.608

4,16

 

7.788.654

27,64

 

 

Wahlberechtigte

Abgegebene Stimmen

Gültige Stimmen

Wahlbeteiligung in %

Freistaat Coburg

45.839

34.274

34.185

74,77

Reich

35.949.774

28.462.786

28.176.959

79,17

Erklärungen zur Tabelle:

KPD = Kommunistische Partei Deutschlands

USPD = Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands

SPD = Sozialdemokratische Partei Deutschlands

DDP = Deutsche Demokratische Partei

BVP = Bayerische Volkspartei

DNVP = Deutschnationale Volkspartei

DVP = Deutsche Volkspartei

Anmerkung: Die eine Stimme, die die „Deutschsozialistische Partei“ erhielt, wurde in der Tabelle vernachlässigt.

(Dass bei den dargestellten Ergebnissen der Reichstagswahl die Anzahl der gültigen Stimmen aus der ersten Tabelle nicht mit der Gesamtzahl der gültigen Stimmen aus der zweiten Tabelle übereinstimmt und auch die Prozentangaben bei den Ergebnissen für das Reich zusammenaddiert nicht 100 % ergeben, hängt damit zusammen, dass nicht alle Parteien in Coburg zur Wahl standen. In der ersten Tabelle fanden nur Parteien Berücksichtigung, die in Coburg kandidiert hatten. Aufgrund von Rundungen kann die 100 %-Marke unter- bzw. überschritten werden.)

Das Wahlergebnis zeigt eine deutliche Reaktion der Wähler auf die noch nicht gefestigten Verhältnisse der jungen Weimarer Republik. Dass dabei Regierungsparteien, also die SPD und die DDP, die schwersten Verluste im Vergleich zu den Wahlen zur Nationalversammlung hinnehmen mussten, erscheint einleuchtend. So verlor die SPD rund 23 % ihrer Wähler und die DDP rund 16 %. Auf der Gewinnerseite wiederum waren die Oppositionsparteien, also die USPD, die sich um rund 10 % und die DNVP bzw. DVP, die sich um rund 28 % steigern konnten.[4] Das bedeutete: Hatte die Weimarer Koalition aus SPD, DDP und CVP bzw. BVP bei der Wahl zur Nationalversammlung unter dem Schock der Weltkriegsniederlage und einer drohenden Linksdiktatur knapp 90 % der Stimmen auf sich vereinigt, so fiel sie nach dem merklichen Rechtsruck mit rund 51 % wieder auf die politischen Kräfteverhältnisse der Vorkriegszeit zurück.[5]

 


[1] Vgl. Coburger Zeitung v. 10. Mai 1920.

[2] Vgl. Coburger Volksblatt v. 31. Mai 1920. Siehe auch Keller, Gunther: Coburg und die Weimarer Republik. Der Staat von Weimar im Spiegel der Coburger Wahlen von 1918 bis 1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen an der Universität Bayreuth. Bayreuth 1981. S. 46ff.

[3] Keller, Gunther: Coburg und die Weimarer Republik. S. 49-50. Für die Wahlergebnisse siehe: Statistisches Jahrbuch für den Freistaat Bayern. 15. Jahrgang (1921). Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landsamt. München 1921. S. 518f. und Statistisches Reichsamt (Hrsg.): Statistik des Deutschen Reiches, Band 291, I-IV. Die Wahlen zum Reichstag am 6.6.1920. Berlin 1920-23. (Online unter: http://www.gonschior.de/weimar/php/index.php?wahl_akt=0. Stand: 08. Januar 2010).

[4] Keller: Coburg und die Weimarer Republik. S. 49ff.

[5] Ebenda, S. 52.