Mein Vater Willy Georg Stahn, aus der Nähe von Coburg gebürtig, wäre am 09.11.1998 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass stellte ich eine Biografie zusammen, die (wie häufig) zum Termin nicht fertig wurde. Trotzdem erzählt die Rumpfgeschichte einige bemerkenswerte Ereignisse. Im vergangenen Jahr erfuhr ich anlässlich eines eGovernment-Kongresses in Berlin vom „Coburger Stadtgedächtnis“. So „grub“ ich den Text aus und stelle ihn hiermit dem „Stadtgedächtnis“ zur Verfügung und wünsche Ihnen kurzweiliges Lesen

Ihr Siegfried Stahn

Willy Stahn (geb. am 09.11.1898, verstorben am 03.01.1972) 73-jährig im Jahr 1971.

Wieso verschlägt es einen Oberfranken aus dem Coburger Land in die Hanse- und Hafenstadt Lübeck?

Papa erzählt doch mal aus deiner Heimat, bitte! Und Papa konnte viele Geschichten erzählen – zumal wir drei Kinder, meine beiden Schwestern und ich, „Nachkömmlinge“ (1942, 1944, 1945) waren. Und Papa war aus dem vor-/vorigen Jahrhundert (1898), also von Jahren eher unser Opa. Zudem war seine Heimat für uns so fern, bzw. schien unerreichbar, weil er mit den Verwandten, die inzwischen (Schindhelm, Böttcher – heute Dressel) den Hof in Birkig hatten, verquer war – dies ist auch Teil einer längeren Geschichte.

Zur Einstimmung auf die „Stans“ aus dem Coburger Land möchte ich erwähnen, dass sie bei Kennern als ausgesprochene Individualisten gelten. So war mein leiblicher Großvater Anton, der „alte Stahn“ 1850 geboren, u.a. ein Heilkundiger für die Nachbarschaft. Seine Kräutermedizin sammelte er allein und gab sein Rezept nicht weiter. Weil mein Vater auch seinen ganz eigenen Kopf hatte, verstanden sich die beiden nicht sonderlich gut.

Anton Stahn, geb. 1850

Anton Stahn war Bauer in Gestungshausen mit eher kleinem Hofgrundstück im Ort und ringsum verteilten Landstücken (zusammen ca. 20 ha.). Seine Nachbarin im Ort hatte ein Auge auf ihn geworfen, er sich aber in Margarete Redlein verguckt, sie geheiratet und bald drei kleine Kinder mit ihr. Da brannte der Hof ab und er wollte etwas größer neu bauen. Dazu brauchte er ein Stück Land von der Nachbarin. Das bekam er aber nicht. So saß er mit Frau und den kleinen Kindern auf der Ruine. Guter Rat war gefragt. Den erhielt er von einem Cousin, der als Händler übers Land zog. Die beiden machten einen Plan: Großvater hatte Geld von der Brandversicherung zu bekommen und, wenn er sein verstreutes Land hier gut verkaufen könnte, käme eine Summe Geld zusammen, mit der anderswo ein geeigneter Hof erworben werden könnte. Als interessante Objekte galten ein Hof bei Rodach (eher feuchtes Gelände) und das Restgut Birkig (damals in der Auflösung) mit 35 ha arrondiert und den alten Gutsgebäuden. Der Plan sah vor, eine Versteigerung des Stahn´schen Landes zu organisieren. Versicherungssumme und Versteigerungserlös reichten gerade, Birkig zu erwerben. So übersiedelte die junge Familie ca. 1893 auf das abgewirtschaftete Anwesen Birkig und alle, auch die Kinder, mussten mindestens für die nächsten fünf Jahre sehr hart arbeiten, um den Betrieb wieder gut zum Laufen zu bekommen.