Hatte die Gründung der deutschen Turnerschaft 1860 in Coburg im Zeichen der nationalen Einigung des politischen „Fleckerlteppichs“ gestanden, so war während der Feier des 100-jährigen Jubiläums vom 10. bis 14. August 1960 neben dem sportlichen Aspekt der Wettkämpfe die deutsche Teilung in den Fokus des politischen Rahmenprogramms gerückt. In den Reden, Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen der fünftägigen Feierlichkeiten unter der Schirmherrschaft des damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke kam dies ebenso deutlich zum Tragen wie in der Grafik der Festpostkarte.

Das Fundament der Veste Coburg steht hier wie das Turner-Emblem der vier „F“ (Frisch, Fromm, Fröhlich und Frei) als grenzüberschreitend-einigende Elemente, wogegen die Stacheldraht-Linie der innerdeutschen Grenze und das geteilte Berlin mit dem aus dem Ortsnamen erwachsenden Brandenburger Tor für die Trennung stehen. Veste und Brandenburger Tor stehen hier als voneinander getrennte Pendants: Beide sind historische Symbole der nationalen Einigung Deutschlands, die nun hart an der innerdeutschen Grenze standen – jedoch auf unterschiedlichen Seiten: Unmittelbar vor dem Brandenburger Tor verlief die Grenze zwischen den drei West-Sektoren und dem sowjetisch besetzten Ostteil der Stadt, deren relative Durchlässigkeit genau ein Jahr nach dem Turnertag durch den Mauerbau vollends abgeschnitten wurde. Die Veste Coburg stand dagegen im „Westen“, knapp südlich der DDR-Grenze in der Bundesrepublik. Wie zwei voneinander getrennte Geschwister stehen die beiden Nationaldenkmale daher hier auch für den Aspekt der sozialen Trennung in Deutschland während des „Kalten Krieges“.