Wie ich das Kriegsende 1945 in der Raststraße und in Creidlitz erlebte

Ein Beitrag von Ursula Bröcheler

Alma Pilling mit Familie und Team um 1949 zur Wiedereröffnung der 1. Klasse. Foto: Ursula Bröcheler privat

In der ersten Klasse wurde weiß eingedeckt mit Tuchservietten und Hotelsilber. Sprachlich war es der Wartesaal erster Klasse, tatsächlich ein gutbürgerliches Lokal, in dem sich die Coburger Stammtische und Coburger Familien zu einem guten Essen trafen. Insbesondere am Sonntag waren die Tische reserviert. Hier trafen sich die Coburger: Da saß der Bäcker und Semmellieferant Oberender mit Familie, daneben Frau Holland sen. mit Sohn und Schwiegertochter, Inhaber der kleinen Bäckerei mit den besten Teilchen, die während der Pause an der Rückertschule verkauft wurden. Hier trafen sich die Schlachterfamilien Ernst Weschenfelder und Emil Schlick und die auch noch heute in langer Tradition vor Ort tätige Weinhandlung Oertel. Liebe Gäste, die zur Geschichte Coburgs gehören, und noch viele andere. Zu allen gehörte Sonntags die Frage: „Können wir bitte noch einige Klöße mit Sauce bekommen“? Schön war’s!

Aber mit der Zeit hat sich auch Coburg und besonders der Bahnhof verändert, in dem wir eine behütete und liebevolle Kindheit verbrachten. Die Bahnhofshalle hatte einen völlig anderen Charakter. Jeder „Fahrgast“ aber auch jeder „Bahnsteiggast“ musste eine Karte lösen, erst dann durfte er seinen Weg fortsetzen. Es gab dort den Kiosk Valuga, ein schöner „Spanischer Garten“ mit einem sehr feinem Obstangebot sowie Speiseeis in der Waffel. Auch Oma Alma Pilling hatte einen Kiosk. Dort gab es Zigaretten einzeln oder in der Packung, je nach Wunsch und Geldbeutel, dazu Bonbons aus dem Glas, Lutscher und Brause – und Jopa-Eis am Stiel. Ein großes Angebot an Zeitungen und Zeitschriften gab es am Kiosk der Familie Albrecht. Wie viele Fix und Foxi bzw. Micky-Mouse-Hefte habe ich da verschlungen!

Trat man aus dem Bahnhof auf den Vorplatz schaute man auf eine dem Baustil des Bahnhofs angepasste Architektur. Zur Rechten lag die Augenklinik von Dr. Dahmann, der Reichsgraf, die alteingesessene Gastwirtschaft der Familie Grosser. Man schaute auf die baumbestandene Bahnhofsstraße mit den Häusern der Jahrhundertwende. Hier wohnten der Kartoffelhändler Kretee, der Kommerzienrat Schmuck, Dr. Puckreuß und viele andere bekannte Coburger. Und dann das Ensemble von Wilhelm und Paul Schumann, das Palais, die Weinhandlung und das Hotel Exelsior. Und heute? Aber, ich werde wiederkommen und auf die Bahnhofsuhr schauen, direkt darunter war mein Zimmer und werde mich an die alte Zeit erinnern, an die Schule, die Freundinnen und an Coburg.

Alma Pilling gab ihre Tätigkeit als Bahnhofswirtin 1959 auf und zog zu ihrem Sohn an den Niederrhein, wo sie 1969 verstarb. Von 1931-1959 hatte Sie die Bewirtschaftung im Coburger Bahnhof geleitet.

Carl und Alma Pilling Foto: U. Bröcheler privat