Am 6. April 1924 wurde in Bayern der Landtag neu gewählt. Coburg kam bei dieser Wahl das spezielle Recht zu, aus einem eigenen Wahlkreis zwei Abgeordnete in den Landtag zu entsenden. In Coburg standen vier verschiedene Gruppierungen zur Wahl: Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Vereinigten Heimattreuen Coburger, ein Zusammenschluss der Bayerischen Mittelpartei (DNVP in Bayern), des Landbundes in Coburg, der DVP, der BVP und der DDP sowie der Völkische Block, die NS-Dachorganisation, in der sich nach dem Verbot der NSDAP die äußerste Rechte gesammelt hatte.[1]

Im Wahlkampf kämpfte jede Gruppierung gegen jede – selbst die Heimattreuen und der Völkische Block. Dies war aber nicht weiter verwunderlich, sprachen sie doch dieselben Wähler an. Für den Völkischen Block waren die Heimattreuen nicht national genug und wurden von diesen als von Juden durchsetzt bezeichnet; deutlicher konnte man seine antisemitische Gesinnung nicht kundtun. Beiden Gruppen gemeinsam waren allerdings ihre Angriffe auf die SPD. Diese musste sich immer wieder gegen die sogenannte „Dolchstoßlegende“ wehren und sich mit dem Vorwurf, sie seien „Erfüllungspolitiker“ auseinandersetzen.[2]

Die Wahlen brachten dann folgendes Ergebnis[3]:

 

KPD

SPD

Vereinigte Heimattreue Coburger

Völkischer Block

Coburg insgesamt

Stimmen

%

 

1.697

4,60

 

13.386

36,31

 

7.826

21,23

 

13.810

37,46

Stadt Coburg

Stimmen

%

 

244

1,88

 

4.116

31,78

 

1.632

12,60

 

6.875

53,08

Bezirksamt Coburg

Stimmen

%

 

616

3,37

 

7.267

39,80

 

5.856

32,07

 

4.491

24,59

Stadt Neustadt bei Coburg

Stimmen

%

 

792

19,05

 

1.280

30,78

 

124

2,98

 

1.936

46,56

Stadt Rodach

Stimmen

%

 

45

3,02

 

723

48,52

 

214

14,36

 

508

34,09

Bayern

Stimmen

%

 

247.724

8,28

 

513.590

17,17

 

54.114[4]

1,81

 

512.271

17,12

 

 

Wahlberechtigte

Abgegebene Stimmen

Gültige Stimmen

Wahlbeteiligung in %

Coburg

47.632

37.618

36.862

78,98

Bayern

7.055.466

3.070.879

2.991.685

43,52

Erklärungen zur Tabelle:

KPD = Kommunistische Partei Deutschlands

SPD = Sozialdemokratische Partei Deutschlands

Anmerkung: Die Stimmen, die die „Beamtengruppe Kratoffel“ auf sich vereinigen konnten, fanden in der Tabelle keine Berücksichtigung.

(Dass bei den dargestellten Ergebnissen der Landtagswahl die Anzahl der gültigen Stimmen aus der ersten Tabelle nicht mit der Gesamtzahl der gültigen Stimmen aus der zweiten Tabelle übereinstimmt und auch die Prozentangaben bei den Ergebnissen für das Land Bayern zusammenaddiert nicht 100 % ergeben, hängt damit zusammen, dass nicht alle Parteien in Coburg zur Wahl standen. In der ersten Tabelle fanden nur Parteien Berücksichtigung, die in Coburg kandidiert hatten.)

Das Wahlergebnis zeigt, wie tief in der mittelständischen Stadtbevölkerung noch der Schock, ausgelöst durch die gerade zurückliegende Inflation und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten saß. Da sie für diese Probleme die Weimarer Republik und die Juden verantwortlich machten, wählten die Coburger verstärkt die Gegner der Republik und diese fanden sich vor allem im antisemitischen Völkischen Block und bei den Heimattreuen.[5] Vor allem die Stadt Coburg wurde zu einem Hort der Völkischen. Diese erlangten dort aus dem Stand die absolute Mehrheit.[6]

Eklatant ist auch der Unterschied zwischen Coburg und dem Rest Bayerns bei der Wahl der Rechten. Während die rechten Gruppierungen in Bayern auf ca. 17 % (Wert des Völkischen Blocks in Bayern. Der Wert der Vereinigte Heimattreue Coburger in Gesamtbayern wurde aufgrund des geringen Wertes vernachlässigt) der Stimmen kamen, erlangten sie in der Stadt Coburg rund 65 % (Summe aus dem Ergebnis des Völkischen Blocks und der Vereinigten Heimattreuen Coburger).[7]

 


[1] Keller, Gunther: Coburg und die Weimarer Republik. Der Staat von Weimar im Spiegel der Coburger Wahlen von 1918 bis 1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen an der Universität Bayreuth. Bayreuth 1981. S. 67.

[2] Ebenda, S. 68f.

[3] Zahlen nach: Statistisches Jahrbuch für den Freistaat Bayern. 16. Jahrgang (1924). Hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt. München 1924.

[4] Da die „Vereinigten Heimatreuen Coburger“ nur in Coburg zur Wahl antraten, tauchen sie in der offiziellen Statistik für den Freistaat Bayern in der Kategorie Sonstige auf. Der Stimmenanteil, der auf die „Sonstigen“ entfiel, wurde in die Tabelle übernommen.

[5] Keller: Coburg und die Weimarer Republik. S. 71.

[6] „Voraus zur Unzeit“. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. Katalog zur Ausstellung der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V. und des Stadtarchivs Coburg im Staatsarchiv Coburg. 16. Mai bis 8. August 2004. Coburg 2004. (= Coburger Stadtgeschichte. Band 2). S. 12;Hambrecht, Rainer: Zwischen Bayern und Thüringen – Coburg von 1900 bis 1945. In: Ein Herzogtum und viele Kronen. Coburg in Bayern und Europa. Aufsätze zur Landesausstellung 1997 des Hauses der Bayerischen Geschichte und der Kunstsammlung der Veste Coburg in Zusammenarbeit mit der Stiftung der Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha’schen Familie und der Stadt Coburg. Hrsg. von Michael Henker und Evamaria Brockhoff. Augsburg 1997. S. 186-196. Hier S. 193.

[7] Albrecht, Joachim: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933. Frankfurt/Main 2005. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe II. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 1008). S. 93.