Kurz nach dem Ersten Weltkrieg blühten in Coburg verschiedenste völkisch-nationalistische Verbände auf und konnten binnen kürzester Zeit eine große Zahl von Anhängern um sich scharen. Die beiden bedeutendsten waren der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (DVSTB) und der Jungdeutsche Orden.[1]

Der DVSTB wurde im Februar 1919 in Bamberg[2] auf Initiative des Alldeutschen Verbandes gegründet. Ziel dieses Bundes war es, dem Kampf gegen die Weimarer Republik auf Grundlage des Antisemitismus eine breite Basis zu geben. Die Weimarer Republik wurde vom DVSTB als Ergebnis einer jüdischen, gegen das deutsche Volk gerichteten Revolution im Rahmen einer jüdischen Weltverschwörung angesehen. Beim DVSTB verschmolzen somit Antisemitismus und Antirepublikanismus.[3]

Seine Mitglieder fand der Bund, der schon kurz nach seiner Gründung eine Ortsgruppe in Coburg unter der Leitung des Lehrers Hans Dietrich unterhielt[4] und dessen Sprachrohr dort die „Coburger Zeitung“ war[5], im kleinbürgerlichen und mittelständischen Milieu. In die Arbeiterschaft konnte der DVSTB kaum eindringen.[6] Binnen kürzester Zeit gelang es dem Bund in Coburg bis 1922 rund 400 Mitglieder zu werben.[7] Verantwortlich für den schnellen Aufstieg des DVSTB war dessen recht einfache Sicht der Dinge. Für den Bund war die Welt dualistisch geprägt. Es gab nur Gut oder Böse, Arier oder Juden und gesund oder krank. Dieses einfache Weltbild, in dem die Juden als gefährliche, alles Deutsche vernichten wollende, d.h. undeutsche Minderheit beschrieben wurde,[8] fiel vor allem bei der Jugend auf fruchtbaren Boden. Neben ehemaligen Soldaten stellte sie das Gros der Mitglieder.[9] Ebenfalls zuträglich für die Popularität des Bundes war die ideelle und finanzielle Protektion durch Herzog Carl Eduard.[10]

In den Jahren 1919 und 1920 machte der DVSTB vor allem durch antisemitische Flugblätter und Plakataktionen auf sich aufmerksam. Ab dem 5. Juli 1920 begann der Bund auch damit öffentliche Veranstaltungen abzuhalten. Auf der ersten Veranstaltung in Coburg, die in den Hofbräuhaus-Gaststätten stattfand, sprach Professor von Lichtenberg zum Thema „Rasse, Kultur und Volkstum“. In seinem Vortrag wies von Lichtenberg auf die großen „Rassenunterschiede“ zwischen Deutschen und Juden hin. Er verglich die Juden mit Nomaden, die von Oase zu Oase zögen und diese jeweils rücksichtslos ausbeuteten.[11]

Am 26. November 1920 fand ein weiterer Veranstaltungsabend des DVSTB statt. Zum ersten Mal in Coburg überhaupt wurden hier jüdische Mitbürger explizit von der Teilnahme an dem Vortrag „Das Verbrechen am Volke“ ausgeschlossen. Die Veranstaltung verlief allerdings nicht so, wie sich das die Mitglieder des DVSTB vorgestellt hatten, denn der Vortrag artete zu einer Saalschlacht aus. Unter den 2.000 Zuhörern befanden sich nämlich 150 bis 300 Anhänger sozialistischer Parteien, die ihren Unmut über die Ausführungen des Redners lautstark artikulierten. Als der Vorsitzende des DVSTB, ein gewisser Herr Rieger, behauptete, ein jüdischer Fabrikbesitzer habe 17 Mann zur Störung der Versammlung bezahlt, kam es zu einer Massenschlägerei.[12]

Aufgrund dieses Ereignisses verstärke der DVSTB seine Aktivitäten wieder im Bereich der risikolosen Propagandaarbeit, d. h., es wurden wieder mehr Flugblätter verteilt, mehr Plakate geklebt und vor allem wurde die Werbung in der „Coburger Zeitung“ verstärkt.[13] So startete die Zeitung zum Beispiel Kampagnen gegen den angeblichen „jüdischen Wuchergeist“.[14]

Durch diese Pressekampagnen erzeugte der DVSTB in Wechselwirkung mit den anderen deutschnationalen und antisemitischen Bünden ein judenfeindliches Klima in Coburg. Juden wurden in Coburg als etwas Fremdes und Verachtenswertes angesehen.[15]

 


[1] Albrecht, Joachim: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933. Frankfurt/Main 2005. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe II. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 1008). S. 65.

[2] Ebenda, S. 65-66; Fromm, Hubert: Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Coburg 2001. S. 12. In der Schrift „Voraus zur Unzeit“ wird Nürnberg als Gründungsort angegeben. „Voraus zur Unzeit“. Coburg und der Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland. Katalog zur Ausstellung der Initiative Stadtmuseum Coburg e. V. und des Stadtarchivs Coburg im Staatsarchiv Coburg. 16. Mai bis 8. August 2004. Coburg 2004. (= Coburger Stadtgeschichte. Band 2). S. 60.

[3] Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 65f.; Jung, Walter: Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (DVSTB) 1919-1924/35. In: Historisches Lexikon Bayerns. Online unter: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44476. (Stand: 06. Januar 2010).

[4] Popp, Steffen: Coburgs Weg in den Nationalsozialismus 1919-1931: Die Etablierung des völkischen Antisemitismus und der Aufstieg der NSDAP. Offenbach am Main o. J. (Online unter: http://www.popp-art.com/files/text/Coburgs%20Weg%20ins%20Dritte%20Reich.pdf. Stand: 06. Januar 2010). S. 20Fromm: Die Coburger Juden. S. 12; Keller, Gunther: Coburg und die Weimarer Republik. Der Staat von Weimar im Spiegel der Coburger Wahlen von 1918 bis 1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen an der Universität Bayreuth. Bayreuth 1981. S. 63.

[5] Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 66.

[6] Jung: Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (DVSTB) 1919-1924/35.

[7] Erdmann, Jürgen: Coburg, Bayern und das Reich 1918-1923. Coburg 1969. (= Coburger Heimatkunde und Landgeschichte. Reihe II. Heft 22). S. 89.

[8] Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 73.

[9] Ebenda, S. 66.

[10] Ebenda, S. 71; Popp: Coburgs Weg in den Nationalsozialismus 1919-1931. S. 21; Fromm: Die Coburger Juden. S. 18.

[11] Coburger Zeitung v. 6. Juli 1920; Vgl. Fromm: Die Coburger Juden. S. 13.

[12] Ebenda, S. 16f.; Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S.66 Der Polizeibericht ist bei Fromm abgedruckt. (Fromm: Die Coburger Juden. S. 17f.).

[13] Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 66f.;Fromm: Die Coburger Juden. S. 18.

[14] Coburger Zeitung v. 17. Oktober 1921. Zitiert nach Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 69.

[15] Ebenda, S. 71, 73.

 

Teil II