Ein Beitrag von Joachim Kortner

Seit 1948 lebte unsere Familie mit 8 Personen – Mama, Papa, vier Söhne, Opa und Tante in einer 35 Quadratmeter großen Wohnung im Hinterhaus der Raststraße 11. Es muss Anfang der Fünfziger Jahre gewesen sein als der Briefträger einen Luftpostbrief aus Japan brachte. Unser Vater hatte nämlich Jahre vor dem Krieg in Schlesien den japanischen Theologiestudenten Akira Ogihara kennengelernt. Mit meinen 13 Jahren war ich besonders scharf auf die wunderschöne Briefmarke mit Blumen und den seltsamen Schriftzeichen. Erst als mein Vater von der Arbeit zurückgekommen war, durfte der Brief geöffnet werden. Akira Ogihara schrieb, dass er inzwischen Bischof von Hiroshima geworden war. Die noch größere Sensation aber: Er wird unsere Familie in Coburg besuchen.

Hiroshima war natürlich allen als die Stadt bekannt, in der 100 000 Menschen durch den Abwurf einer Atombombe ums Leben gekommen waren.

Der große Tag war gekommen. Mein Bruder und ich bekamen sogar schulfrei. Papa holte den Bischof von Hiroshima am Coburger Bahnhof ab und brachte ihn zuerst einmal in das Hinterhaus der Raststraße 11. Dort saßen wir dann mit 9 Personen bei Kaffee und Kuchen um einen Ausziehtisch. Wir Kinder wunderten uns, dass ein Mensch mit Schlitzaugen so perfekt Deutsch sprechen konnte. Am nächsten Tag gab es einen festlichen Gottesdienst und anschließend nochmal Kaffee und Kuchen im Pfarramt von Sankt Augustin. Sogar der Fotograf einer Coburger Zeitung war da und blitzte ein Foto, auf dem ich genau hinter dem Bischof von Hiroshima stehen durfte. Natürlich waren wir wahnsinnig stolz. Ein so ein bedeutender Mann aus einem so fernen Land aus einer durch den Krieg weltbekannten Stadt hatte Coburg besucht.

Und ausgerechnet unsere in Coburg so unbedeutende Flüchtlingsfamilie!