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1956 - 1968

Kino im Gasthof "Goldene Sonne"

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47655 Filmstar der 50er Jahre Ruth Leuwerik in Creidlitz (1958). Foto: Günther Mittelbach.

Im Jahr 1950 wurde ich geboren und wuchs im heutigen Stadtteil Creidlitz auf. Es gab ein Kino im Saalbau des Gasthofes „Goldene Sonne“. Der tägliche Weg zur Schule führte mich an den Schaukästen des Kinos vorbei. Wöchentlich wurden die Bilder und Plakate ausgewechselt. Für Kinder- und Erwachsenenfilme gab es eigene Kästen. Die Filme wurden am Mittwoch-, Freitag-, Samstag- und Sonntagabend gezeigt. Die Kindervorstellung war am Sonntag am frühen Nachmittag. Das Kino wurde auch von allen Klassen der Volksschule zu Sonderaufführungen besucht. Mir ist besonders ein Film über Christoph Columbus und die Entdeckung Amerikas in Erinnerung.

Die Schauspielerin Ruth Leuwerick stattete unserer Region 1958 einen Besuch ab. Auf dem Weg vom Süden nach Coburg musste sie mit dem Auto auch durch Creidlitz fahren, denn die neue B 4 war noch nicht gebaut. Sie wurde von den Bürgern herzlich begrüßt. Für einen kleinen blonden Jungen war es die erste Begegnung mit einem Kinostar.

Mit dem aufkommenden Fernsehen wurde das Kino immer weniger besucht und musste 1959 geschlossen werden. Die Nähe der Stadt Coburg mit ihren Kinos: Burg-Theater, Casino, Central, Kali, Passage und Union-Theater erwies sich als Glücksfall für meine Filmleidenschaft. Zu Fuß (auch am Abend), mit dem Stadtbus oder dem Fahrrad war mir am Wochenende der Besuch einer Vorstellung möglich (manchmal waren es auch zwei pro Tag). Zu den Karl-May-Filmen kaufte ich neben der Eintrittskarte für 2 Deutsche Mark noch ein Programm „Illustrierter Film Kurier“ für 50 Pfennig. Ich besitze sie noch heute.Anzeige für die Uraufführung von Winnetou III im Union-Theater, Foto: Horst Jürgen Schunk.

Von 1964 bis 1968 führte ich Buch über meine Kinobesuche. Es wurden: der Tag, die Uhrzeit, das Kino, der Filmtitel und die Freigabe der Filmselbstkontrolle FSK („ab wieviel Jahren erlaubt“) in einen Kalender eingetragen. Es waren insgesamt 134 Filme von A („Agent 3S3 kennt kein Erbarmen“) bis Z („Zulu die Schacht von Rorkes Drift“) in den unterschiedlichsten Genres (Western-, Kriminal-, Sandalen-, Agenten-, Monumental- und Erotikfilme). Mit 15 Jahren besuchte ich den ersten Film „FSK ab 18“. Meine Größe von 1,83 m und mein vielleicht älteres Aussehen war an der Kinokasse kein Hinderungsgrund oder ich schickte meinen größeren und ein Jahr älteren Bruder vor, die Kinokarten zu holen. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wartete ich bis der Hauptfilm begann, denn es wurde erzählt, Frau Seifarth und ihre Truppe (Kripo, Abt. Jugendschutz) führen im Kino Ausweiskontrollen durch, was mir jedoch erspart blieb.

Heute gehe ich fast nicht mehr ins Kino. Ich habe ein kleines Studio mit Beamer, Leinwand und Soundbar - aber ohne roten Vorhang und ohne dumpfen Gong. Seit 2 Jahren versuche ich diese 134 Filme wieder zu sehen. Mit Fernsehen, DVD und Internet wird es mir nach einem halben Jahrhundert vielleicht gelingen, meine Kinobesuche der 60iger Jahre daheim zu wiederholen. Momentan sind es ca. 30% der Filme, die ich wiedergesehen habe. Ich bin Mitglied in einem Filmclub für (Schmal-)Film und Videofreunde und wir treffen uns einmal im Monat zum Filmabend. Für mich lebt dort und zu Hause das Kino weiter.



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Quellen

Günther Mittelbach, Fotos: Horst Jürgen Schunk, Günther Mittelbach.


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Kategorien: Artikel von Bürgern | Lesebuch 6 "Kino" |

letzte Aktualisierung am 06.02.2015 10:20:48