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1. Deutsches Turnfest - Briefe des Turners Robert Heck

„Dem Volkscharakter und der Naturanlage nach gruppierten sich dann auch, die Riegen schon nach einer halben Stunde verlassend, zwei Hauptstämme zueinander wie in einem Glase, welches mit verschiedenen Stoffen gefüllt ist, die Zusammengehörigen sich einander anschließen, sobald nach einigem Umrühren man die Mischung ein bisschen stehen lässt; der Festturnplatz ist das Glas, die Sachsen und Schwaben die zwei Hauptstoffe in demselben, und das übrige kristallisiert sich rings an den Seitenwänden, den Kampf der beiden Hauptrichtungen untätig beschauend oder für diese oder jene Richtung Partei nehmend. Die Schwaben sind in den Naturübungen weitaus tüchtiger als Preußen und Sachsen, also zum Beispiel im Springen, Wettlauf, Stemmen und so weiter. Die Sachsen dagegen sind infolge ihrer rastlos fortgesetzten Übungen an den Geräten und durch ihren meist zierlichen Körper entschieden tüchtiger an den Geräteübungen, also im so genannten Kunstturnen; im Ringen allein haben auch sie eine tüchtige Schule hinsichtlich der Naturübungen und hatten diesmal ihre besten Ringkräfte auf den Platz geführt; als daher im Anfang die Schwaben im Hoch- und Weitsprung ihre Übungen gezeigt, wegen der mehr ins Auge fallenden Übungen der Leipziger an den Geräten kaum von den Beschauern beobachtet worden waren, daher auch zu den Geräten gingen und dort zeigten, dass sie in ihren Spitzen (so heißt man die hervoragendsten Turner) dasselbe leisten, forderten die Sachsen mit Ungestüm das Ringen. Ich gestehe, dass mir für meine Landsleute ein bisschen lang war, denn ich kannte die Gewandtheit und Kraft der besten Leipziger Ringer; Ulwin Martens von Leipzig trat vor in die Mitte des rasch gebildeten großen Kreises, und stülpte herausfordernd im ganzen Kreise umschauend, seine Hemdsärmel; von seinen Kameraden von hinten in den Kreis geschoben, trat ein Schwabe zu ihm und nach einer Minute lag Martens unter; ein zweiter Leipziger „Lobel“ folgt; zu ihm trat Jäger aus Cannstatt, rang gut, unterlag aber; dann trat ein frischer Leipziger, ein Professor, dessen Name ich vergessen habe, in den Kreis, ein wirklich herrlicher Kerl an Größe, Stärke und Ebenmaß der Formen; aufgefordert trat „Kaiser von Stuttgart“, der Schwaben bester Turner, zu ihm und wurde sogleich an den Handgelenken wie mit Zangen von seinem Gegner gepackt, komisch war die Art, wie Kaiser seinen Gegner eine Sekunde lang wegen dieser ihm unbekannten Art zu fassen ansah, dann aber wie ein Blitz sich losschnellte, seinen Gegner fasste, und eben so rasch zu Boden warf; einerseits, weil ein besiegter Ringer das Recht hat, noch einen Kampf mit seinem Sieger zu verlangen, tat dies der Leipziger. Kaiser, der etwas kleiner und minder stark ist als sein Gegner, ging dessen Fassart nun kennend, mit solchem Ungestüm auf denselben los, dass nach kaum fünf Sekunden der Professor kunstgerecht mit beiden Schulterblättern auf dem Grasboden lag“


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Quellen

aus: Herbert Neumann: Spiegelbild der Deutschen Turnbewegung, Limpert 1987. Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Turnerbundes.


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letzte Aktualisierung am 08.08.2014 10:38:47


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