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Stolperstein für Christian Reichenbecher, Schillerplatz 3

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Hier wohnte Christian Reichenbecher. Die Patenschaft über seinen Stein haben die Klassen Klassen 12Wa und 12 Wb im Schuljahr 2010/11 der Staatlichen Fachoberschule Coburg übernommen.

Christian Reichenbecher wurde 1894 geboren. Er war vor der Herrschaft der Nationalsozialisten Stadtrat und SPD-Vorsitzender in Coburg. Aufgrund seiner SPD-Zugehörigkeit wurde er am 10. März 1933 festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht. Ihm wurde mitgeteilt, dass er zu seinem persönlichen Schutz verhaftet worden sei. Nach 13 Tagen Haft erschien am 23. März der SS-Sturmbannführer Rittweger und brachte ihn zusammen mit dem Polizeihauptwachtmeister zur Vernehmung ins Rathaus. Dort wurde er den SS-Leuten übergeben und in die Folterkammer neben dem Rathaus gebracht. Dort befanden sich 15 bis 20 SS-Leute, die mit Ochsenziemern und Peitschen ausgerüstet waren. Reichenbacher musste seinen Mantel ausziehen. Dann wurde er geschlagen. Die SS-Leute droschen blindlings mit den Peitschen auf ihn ein. Als Reichenbacher auf dem Boden lag, traten sie ihm mit den Stiefelabsätzen in den Bauch, ins Geschlechtsteil, in die Brust und in den Rücken, so lange, bis er bewusstlos war. Mit einem Eimer Wasser wurde er aus der Bewusstlosigkeit zurückgeholt. Dann presste man ihm ein Kissen auf den Mund, um die Schmerzensschreie zu unterdrücken. Der Vorgang wiederholte sich noch viermal, dann wurde Christian Reichenbecher zum Verhör zum damaligen Bürgermeister Faber geschleppt. Der Bürgermeister warf ihm eine Tat vor, die nicht von ihm begangen, sondern von den Nazis selbst inszeniert worden war: Man hatte Namenslisten von führenden NSDAP-Männern aufgestellt, die man als Geiseln nehmen wollte. Bei den Hausdurchsuchungen versteckten die Nazis die Listen selbst in Büchern, um sie dann offiziell vorfinden zu können. Da Christian Reichenbecher kein Geständnis ablegte, wurde er erneut misshandelt. Danach wurde er in einen Raum gebracht, in dem weitere 40 Opfer saßen. Bewacht wurden sie von SS-Leuten, die sich einen Spaß daraus machten, Gewehre auf die Gefangenen zu richten und ihnen mit dem Erschießen zu drohen. Am 7. April wurde Christian Reichenbecher aus der Haft entlassen. Zuvor wurde er noch gezwungen, eine eidesstattliche Versicherung zu unterschreiben, dass er während der Haft die beste Behandlung erfahren hätte. Des weiteren wurde ihm mitgeteilt, dass er mit einer erneuten Verhaftung rechnen müsse, die dann die Überführung ins KZ Dachau nach sich ziehen würde, wenn er nur ein Wort über die tatsächlichen Haftbedingungen in der Öffentlichkeit verlieren würde.


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Quellen

Stadtarchiv Coburg. Hubert Fromm: Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Initiative Stadtmuseum, Coburg 2001.


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letzte Aktualisierung am 23.05.2014 09:09:10