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Aufrüstung in Blech, Plaste und Papier

554 Laster und Panzer: Kinderspiele zwischen friedlichem Wiederaufbau und Aufrüstung

Bei den folgenden Textauszügen handelt es sich um das dritte und vierte Kapitel des autobiografischen Buches „Flipper, Jazz und Sputnikfieber“ von Rupert Appeltshauser. Der Autor ist in Coburg aufgewachsen und beschreibt hier in welchem Umfang auch die Kinder- und Spielwelt der 50er Jahre von den Einflüssen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung geprägt war. Das Buch erschien im Februar 2009 im Weiß-Verlag Bamberg und ist im Buchhandel erhältlich.

Russen, Amis, Vopos, Panzer und Gewehre – die Allgegenwart des Militärischen gehörte im besetzten und geteilten Deutschland der Nachkriegszeit zur täglichen Erfahrung. So nimmt es nicht Wunder, dass das Vokabular des Kalten Krieges auch die Kinderzimmer erfasste und ein schleichender Prozess der Aufrüstung sich der Spielkisten und selbst der Gabentische bemächtige, zumindest was den männlichen Teil des Nachwuchses anbelangt. Die Art, in der das geschah, trug in Ost und West viele gemeinsame Züge, es gab aber auch Unterschiede. Jedenfalls ist es keineswegs unbegründet zu behaupten, dass die Konflikte der Welt der Großen im begrenzten Wahrnehmungs- und Erfahrungsraum des Spielzimmers, des Basteltisches oder des Wohnzimmerteppichs ihr direktes Abbild fanden.

In der militärischen Spielwelt des Westens gehörte der »Amijeep« zur Standardausrüstung. Es gab ihn in verschiedenen Varianten, als kleines Plastikgefährt, hellgrün mit schwarzen Rädern oder in etwas dunklerer Blechausführung mit einem großen, weißen »Amistern« auf der Motorhaube. Hier standen wiederum die unbemannte oder bemannte Version zur Auswahl, letztere mit einer uniformierten Crew aus Plastik, jedes Mitglied mit einem großen »MP« auf dem weißen Helm und einem kleinen, grünen Auswuchs am Hinterteil, der die Figur in einer Nut des Wagensitzes festhielt. Ein zu häufiges Ein- und Aussteigen führte in der Regel zu einer vorzeitigen Abnutzung dieses kleinen Fortsatzes der Wirbelsäule, was sich bei Fahrbewegungen sehr negativ auf die Sitzordnung im Fahrzeug auswirken konnte. Und dann gab es noch die unmotorisierte und motorisierte Ausführung. Erstere ließ sich nur per Hand schieben, die andere bewegte sich selbstständig. Ich habe nie eines der exklusiveren, selbstfahrenden Modelle besessen, aber soweit ich mich erinnern kann, war es kein Uhrwerkmotor, sondern ein Schwungrad, das für den Antrieb sorgte. Einen Nachteil hatten aber alle mir bekannten Fahrzeugtypen gemeinsam: Sie ließen sich nicht lenken, und so konnte es oft vorkommen, dass ihre Fahrt ziemlich abrupt und unsanft am nächsten Tischbein oder an der Scheuerleiste endete.

Eine gewisse Expertise in Sachen »Amijeep« konnte also fast bei jedem Jungen zwischen fünf und zehn Jahren als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Allerdings geschah es ausgerechnet bei einem unserer Ostbesuche, dass ich meine Fachkenntnis unerwartet in Frage gestellt sah. Wir hatten nach unserer Ankunft im Hause der Verwandten gerade das Wohnzimmer zur Begrüßung betreten. Bevor ich aber ein »Guten Tag« über die Lippen gebracht oder eine Hand geschüttelt hatte, fiel mein Blick auf etwas auf dem Wohnzimmerboden, was ich in dieser Art bisher noch nie gesehen hatte. Von der Bauart her handelte es sich unverkennbar um einen Jeep, in seiner beigegrünen Farbe vielleicht etwas heller als die gebräuchliche Westlackierung, dafür um einiges größer und mit viel größerer Liebe zum Detail gebaut. Die Armaturen waren nicht nur aufgemalt, wie bei den meisten Westjeeps, sondern bestanden aus richtigen kleinen Schaltern und Uhren; die Sitze waren nicht nur aus primitivem Blech gefertigt mit aufgemalten Polstern, sondern besaßen echte Metallrahmen mit einem richtigen Stoffbezug und ließen sich auf der Fahrer- und Beifahrerseite sogar nach vorne klappen. Und auch die Qualität der Räder war mit denen des Westtyps nicht zu vergleichen. Da stecken nicht nur einfache Blech- oder Plastikrollen auf den Achsen, sondern naturgetreue Nachbildungen mit dem genauen Stollenprofil der Geländereifen. Das Beste war aber die Lenkung: Das Steuerrad ließ sich drehen und wirkte wie bei einem echten Auto auf die einzeln aufgehängten Vorderräder. Ich gab meiner Begeisterung für diesen »tollen Amijeep« spontan Ausdruck, mit der Reaktion eines verständnisvollen Lächelns auf den Gesichtern einiger der Umstehenden, aber auch mit einem gewissen Ernst in der Stimme, als sie mich darauf aufmerksam machten, dass es sich wohl eher um einen »Russenjeep« als einen »Amijeep« handelte.

Ein »Russenjeep« – wer hatte denn je so etwas gehört? Etwas Amerikanischeres als diesen Fahrzeugtyp konnte man sich neben Coca-Cola und Kaugummi doch gar nicht vorstellen! Und die Russen sollten jetzt auch so etwas haben, dazu noch in einer so bewundernswerten Ausführung? Das brachte die Vorstellungswelt des Westkindes ziemlich ins Wanken. Wenn die Russen so perfekte Militärautos bauen konnten, die nicht nur aussahen wie die der Amerikaner, sondern ihnen auch noch technisch überlegen waren, da musste wohl mehr in ihnen stecken, als man gemeinhin annahm! Unbegreiflich war aber auch, wie die Leute hier zu den Russen standen. Auf der einen Seite ließen sie kein gutes Haar an ihnen und machten aus ihrer Ablehnung keinen Hehl, sobald aber jemand aus dem Westen – und sei es nur aus kindlicher Unkenntnis – die Errungenschaften östlicher Technik nicht zu würdigen schien, wechselten sie plötzlich die Seiten. Das sollte einer mal verstehen können!

Obwohl manche respektable Einzelleistung wie besagter »Russenjeep« einen nicht geringen Eindruck hinterließ und zu momentanen Irritationen im kindlichen Weltbild führen konnte, war dennoch auf lange Sicht gesehen an der Tatsache nicht zu rütteln, dass sich der Rüstungswettlauf in den Spielzimmern zugunsten des westlichen Lagers entschied. Einen wesentlichen Anteil daran hatten die Panzerfahrzeuge, die in der Folge des Korea-Krieges in immer größerer Stückzahl in den Schaufenstern der Spielzeugläden auftauchten und denen der Osten nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Es gab davon zwei Standardtypen: Ein etwas kleineres Gefährt mit einem runden, seitlich versetzten und fest montierten Turm und ein etwas größeres Modell mit beweglichem Turm und einem zusätzlichen Maschinengewehr, das bei rasanter Vorwärtsfahrt einen heftigen Funkenregen versprühte. Beide Fahrzeugtypen liefen auf Gummiketten und wurden durch einen kräftigen Federmotor angetrieben, der ihnen genügend Kraft und Schwung verlieh, auch hohe, z. B. aus Bauklötzen aufgetürmte Hindernisse problemlos zu überwinden.

Die Aufstockung des eigenen Waffenarsenals mit dem größeren der beiden Modelle erfolgte an meinem Geburtstag im Frühjahr 1954. Das Ereignis ist deshalb genau datierbar, weil bei der Geschenkübergabe väterlicherseits die Bemerkung fiel, dass Deutschland in Jahresfrist endlich wieder eigene Panzer besitzen werde – ein klarer Hinweis auf den Beginn der Wiederbewaffnung im darauffolgenden Jahr.

Zum Leidwesen des Vaters trug der Panzer in seiner Originalbemalung jedoch noch den ungeliebten »Amistern« als Hoheitszeichen. In Vorwegnahme der zu erwartenden Remilitarisierung Deutschlands wurde dieser sogleich mit dem schwarzen Balkenkreuz der Wehrmacht überklebt. Aus Plastikfolie gefertigt war dieses bekannte Emblem deutscher Wehrhaftigkeit schon damals wieder in jedem Spielzeug- und Bastelladen zu haben.

Allerdings verlieh der Rückgriff auf die Symbolwelt großer Zeiten dem Krieg auf unserem Wohnstubenboden auch eine ironische Komponente, die von elterlicher Seite so bestimmt nicht vorgesehen war. Nach der Logik der Dinge hätten Panzerfahrzeuge mit dem Balkenkreuz der Wehrmacht am Turm eigentlich nur gegen Spielsoldaten der alliierten Seite rollen dürfen. Vertreter dieser »Gummistiefeltruppe« mit ihren »albernen Stahlhelmen« gab es in Miniatur zwar überall zu kaufen, im eigenen Hause waren sie aber streng verpönt. So blieb mir keine andere Wahl, als diesen Panzer gegen mein vor dem Wohnzimmersofa stationiertes Restkontingent ziemlich angeschlagener deutscher Wehrmachtssoldaten (Marke Hausser-Elastolin) einzusetzen. Als spärlicher Überrest einer viel größeren und glanzvolleren Streitmacht aus der Spielkiste eines im Dritten Reich groß gewordenen, jetzt erwachsenen Vetters hatten diese Spielsoldaten den Krieg irgendwie überlebt. Darunter befand sich das kleine Häuflein marschierender Infanteristen mit geschultertem Gewehr noch in einem einigermaßen annehmbaren Zustand, den Vertretern der aktiv kämpfenden Truppe war jedoch deutlich anzusehen, was sie durchgemacht hatten. Einem halb knienden, Handgranaten werfenden Soldaten fehlte z. B. der linke Unterarm, bei einem Infanteristen in Sturmschritt steckte anstatt des Beines nur noch der blanke Knochen in Form des Haltedrahtes im Stiefel. Und ausgerechnet diesem letzten, hoffnungslosen Aufgebot wurde jetzt das ungnädige Schicksal zuteil, wehrlos den unablässigen Angriffen dieses Blechpanzers ausgesetzt zu sein, der die schwachen Verteidigungslinien aus Holzklötzen immer wieder durchbrach und den verlorenen Haufen ohne Erbarmen überrollte. Und zum Hohn prangte an dessen Turm auch noch das Erkennungszeichen der eigenen Seite! »So it goes« könnte man lakonisch in Anlehnung an Kurt Vonneguts berühmten Kriegsroman »Slaughterhouse Five« sagen, in welchem die eigenen Leute immer wieder das abkriegen, was eigentlich den Feinden zugedacht war!

Spielzeugwaffen aus amerikanischen Arsenalen mit Balkenkreuzaufklebern einzudeutschen, war natürlich nur eine Verlegenheitslösung der ersten Stunde. Als die Aufrüstungswelle zunehmend die Kinder- und Jungendzimmer mit einem immer reichhaltigeren, alle Waffengattungen und Kriegsparteien umfassenden Angebot ergriff, wurde so etwas bald überflüssig. Die Nachbildungen stammten zwar zum größten Teil aus amerikanischer Produktion, der Anteil deutscher Waffen- und Ausrüstungsgegenstände, vor allem aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, stieg jedoch kontinuierlich. Im Zuge der voranschreitenden Perfektionierung wurde auch das einfache, aber stabile Blech der Anfangsjahre immer mehr von maßstabsgerechten und detailgetreuen Plastikbausätzen verdrängt. An den Decken der Spielzeugläden kreisten an Perlonfäden aufgehängt englische Spitfires friedlich neben Flugzeugtypen aus Hitlers Luftwaffe und amerikanischen Fernbombern, die Regale waren gefüllt mit Panzern und Militärfahrzeugen, und daneben standen die Angehörigen der Armeen von Freund und Feind stramm in Reih und Glied.

Mit den steigenden Verkaufszahlen füllten sich auch die privaten Arsenale an Kriegsspielzeug bei Freunden und Bekannten. Bei dem einen zogen über dem Kinderbett ganze Flugzeuggeschwader ihre Bahn, der andere entdeckte seine Leidenschaft für die Marine. So verbrachte z. B. der Sohn eines Bekannten über Monate hinaus fast jede freie Stunde mit dem detailgenauen, motorgetriebenen Nachbau des deutschen Schlachtschiffes »Blücher« aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur den über einen Meter langen Rumpf musste er noch selbst aus Leichtholzteilen anfertigen, alle Aufbauten, wie die Geschütztürme, die Flakkanonen und Wasserbombenbatterien, das Katapult samt Flugzeug, waren im Handel vorgefertigt zu erwerben, einschließlich der Reichskriegsflagge im Miniformat. Die nicht geringen Ausgaben für das jugendliche Flottenbauprogramm wurden zu einem erheblichen Teil aus der Kriegsschatulle des freudig mitbastelnden Vaters bestritten. Als die »Blücher« im Brunnenbecken einer nahen Gartenanlage auf Jungfernfahrt ging, erregte das die bewundernde Aufmerksamkeit fast des gesamten Jungvolks des Viertels.

Solchen Prestigeobjekten gegenüber fiel das eigene Waffenarsenal insgesamt doch recht bescheiden aus: Zur Luftunterstützung des genannten Blechpanzers wurde noch die Plastikausführung eines Sturzkampfbombers vom Typ Ju 87 in Dienst gestellt, ein Schritt, der den endgültigen Untergang des armseligen Haufens lädierter Wehrmachtssoldaten besiegelte. In der heimischen Rüstung zur See ging es auch voran, allerdings vollzog sie sich entgegen den zu Lande geltenden Prinzipien ganz unter der Schirmherrschaft der Alliierten: erst ein Schnellboot, dann ein Zerstörer und zuletzt ein Versorgungsschiff, alle aus Revell-Modellbaukästen und alle amerikanischer Bauart. Versuche der Umetikettierung der Hoheitszeichen wurden bei diesen späteren Rüstungsanstrengungen als überflüssig erachtet, vielleicht deshalb, weil die Amerikaner im Fortgang des Kalten Krieges inzwischen doch als Verbündete galten.

Vergleichend gesehen durfte die DDR, zumindest was den Zeitraum der 50er Jahre betrifft, entsprechend ihrer Propaganda tatsächlich als ein friedliebendes Land gelten. Bei dem bewundernswerten »Russenjeep« kann es sich um die Einzelanfertigung eines geschickten Handwerkers oder um ein Spielzeug mit geringer Auflage und Verbreitung gehandelt haben. Generell waren Kriegsspielsachen in der öffentlichen Wahrnehmung wie in den Auslagen der Schaufenster weit weniger präsent als im Westen. Das heißt nicht, dass man auf den oberen Regalen einer der Verkaufsstellen der staatlichen Handelsorganisation, der so genannten HO-Läden, nicht auch einmal einen Holzpanzer mit einem roten Stern finden konnte oder im Spielzeugmuseum der nahen Kreisstadt in einigen der Vitrinen eine Ansammlung von dunkelgrün gefärbten Gerätschaften zu sehen war, die der Verteidigung der »friedlichen Errungenschaften des Sozialismus« dienten.

Im Allgemeinen stand aber deutlich die Idee des »friedlichen Aufbaus« und deren Propagierung in den Kinderköpfen im Vordergrund: Lastwagen, Bagger, Baufahrzeuge oder Traktoren mit Hängern bestimmten das Bild, meist aus Holz, viel gröber gearbeitet als die vergleichbaren Gegenstücke im Westen, aber dafür stabil und gartentauglich. Die schön lackierten Bagger westlicher Produktion mit ihren feinen Kettenzügen und Zahnradgetrieben machten sich zwar herrlich auf dem weihnachtlichen Gabentisch, die Frage der Funktionstüchtigkeit hatte sich aber schon häufig mit der ersten ordentlichen Ladung Sand beim Außeneinsatz erledigt. Ein DDR-Bagger mit seinen Holzarmen und -schaufeln war dagegen unverwüstlich. Selbst wenn einmal einer der Gelenkstifte brach oder einer der Seilzüge riss, ein Nagel oder Schuhband sorgte schnell für Ersatz, und die Normerfüllung der Baubrigade im Sandkasten war gesichert!

Auch als die Spielzeugherstellung im Westen immer mehr auf Kunststoff umstellte, führte das nicht zu einer Ausweitung der östlichen Militärproduktion. Das einzige Flugobjekt unter den Spielgegenständen meiner beiden Cousins in der DDR war eine kleine zweimotorige Maschine in einfacher grauer Plastikausführung ohne Bemalung oder militärische Kennzeichnung. Die Fensterreihen im Rumpf ließen eindeutig erkennen, dass es sich um eine Zivilmaschine handelte. Und wie im zivilen Leben allgemein zeigte sich auch am Beispiel dieses kleinen Spielfliegers das verbreitete Problem des Qualitätsmangels: Die beiden Motoren und das jeweils daran befestige Laufrad waren nur auf die Tragflächen aufgesteckt und verklebt, wegen des schlechten Klebstoffs lockerten sie sich aber schon nach den ersten Start- und Landeversuchen auf der Tischplatte. Das wiederum führte dazu, dass das Löschfahrzeug der Flughafenfeuerwehr, eine ebenfalls sehr simple Konstruktion aus rotem Plastikmaterial, relativ häufig zum Einsatz gerufen werden musste.

Nachrüstungsanstrengungen in Anlehnung an die Kunststoffmodelle westlichen Standards hat die DDR in größerem Umfang erst relativ spät unternommen, soweit ich mich erinnere nicht vor den 70er Jahren. Bei Verwandtenbesuchen konnte es dann schon einmal vorkommen, dass maßstabgetreue, ferngelenkte Nachbildungen von modernen sowjetischen T-54-Panzern aus Kunststoff durch das Wohnzimmer sausten, jetzt aber schon gesteuert von der Generation der Nachkommen. Offenbar war der Umgang mit Kriegsspielzeug auch hier inzwischen zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden, dass Vorführungen im Beisein von Westbesuchern unter keinerlei Vorbehalten erfolgten, abgesehen vielleicht von dem hin und wieder halb entschuldigend eingeflochtenen Wort, dass es sich hier doch um »gute Panzer« handelte.

Das einzige Material, auf das die DDR in den frühen Phasen des Kalten Krieges in größerem Umfang zur militärischen Mobilisierung der Kinderstuben zurückgreifen konnte, war das Papier. Auf riesigen, bunt bedruckten Ausschneidebogen gab es verschiedene Modelle der sowjetischen Luftwaffe zu kaufen, vom kleinen MiG-17 Düsenjäger bis hin zur großen, viermotorigen Transportmaschine. Auf den Druckbogen waren die Flugzeuge in kleinste Einzelteile zerlegt. Die galt es auszuschneiden, in Form zu bringen und an ihren Falzrändern zusammenzukleben. Bei den Tragflächen fiel das wegen der Größe der Teile und der ebenen Struktur noch verhältnismäßig leicht. Eine ziemlich kniffelige Angelegenheit war aber die Formung und Zusammensetzung der einzelnen Rumpfsegmente, der Bau des Cockpits, der Triebwerke oder des Fahrwerks. Die Schwierigkeit bestand vor allem darin, die im Ausschneidebogen zweidimensional gedruckten Bauteile zu Ringen und Zylindern zu biegen und haargenau zusammenzupassen. Nur ein kleiner Ausschneide- oder Klebefehler von weniger als einem Zehntel Millimeter und die einzelnen Elemente oder das gesamte Bauteil hatte mehr Ähnlichkeit mit dem Hosenbein eines Feldarbeiters als mit einem Flugzeugrumpf!

Ungeachtet mancher Abstriche an die Modellgenauigkeit und trotz der konstruktionsbedingten Stabilitätsprobleme, aus einer gewissen Distanz betrachtet konnten auch solche Flugapparate ganz imponierend wirken, allein schon wegen ihrer Größe. Einen bleibenden Eindruck hinterließ z. B. der Nachbau eines riesigen Transportflugzeugs vom Typ »Ukraina«. Die größten Rumpfteile hatten fast den Durchmesser von Untertassen, und an den weiten Tragflächen von etwa einem Meter Spannweite saßen vier Motoren, deren mit Stecknadeln befestige Propeller sich im Luftzug drehen konnten. Als dieses Papiermodell dann an einem langen, dünnen Faden am Ende einer aus dem Dachbodenfenster ragenden Bohnenstange mit säuselnden Propellern im leichten Sommerwind seine Kreise zog, war es von einem echten Brummer kaum noch zu unterscheiden. Selbst wenn die östliche Kriegsspieltechnik mit den in NATO-Ländern geltenden Perfektionsansprüchen in der Regel nicht Schritt halten vermochte – aus der Ferne gesehen, am hellen Himmel über Großmutters Kohlrabibeeten, konnten einzelne der papierenen Objekte aus dem Programm sowjetischer Jugendrüstung eine durchaus eindrucksvolle Wirkung entfalten!

 

 

 


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Quellen

Rupert Appeltshauser, Flipper, Jazz und Sputnikfieber", Bamberg 2009.


Informationen

Kategorien: Zeitzeugenberichte

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letzte Aktualisierung am 19.03.2012 10:10:07


 

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