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1929 - 1931

1929-1931: Die Juden werden von den Nationalsozialisten zu Menschen zweiter Klasse degradiert

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Nachdem die Nationalsozialisten 1929 die Mehrheit im Stadtrat und 1931 durch die Wahl des NSDAP-Führers in Coburg, Franz Schwede, zum Ersten Bürgermeister die absolute Macht in der Stadt erlangt hatten, begannen sie mit der gezielten Verfolgung der Juden in Coburg. Seit 1929 nahmen die Übergriffe auf jüdische Einwohner, deren Wohnhäuser und Geschäfte stark zu. Es kam zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.[1] In den Jahren 1930 bis 1931 steigerte sich die Gewalt gegenüber den Juden immer weiter. Verschiedene jüdische Coburger wurden angepöbelt, grundlos angegriffen, zusammengeschlagen, überfallen und ausgeraubt. Von danebenstehenden Passanten erfuhren sie keinerlei Hilfe.[2] Die Taten waren ausnahmslos antisemitisch geprägt und wurden zumeist von jüngeren Anhängern der Hitlerbewegung verübt.[3] Auch darauf hätte die Wählerschaft reagieren können.

Auch die städtische Polizei half den betroffenen Juden nur unwillig. Sie führte ihre Nachforschungen äußerst flüchtig und ungenau durch. Der Grund hierfür war, dass sie von Nationalsozialisten durchsetzt war. Die Polizei war keine unabhängige staatliche Behörde mehr, sondern vielmehr eine Institution der NSDAP. Aufgrund der schlampigen Ermittlungen kam es auch nur selten zu Verhaftungen und Verurteilungen von Personen, die Juden angegriffen hatten.[4]

Die jüdische Kultusgemeinde versuchte, durch Beschwerden bei der Kreisregierung in Bayreuth und der Staatsregierung in München auf die Situation in Coburg aufmerksam zu machen. Die Beschwerden führten jedoch eher zu noch mehr Gewalt gegen die Juden, da die Coburger Nationalsozialisten in diesen einen direkten Angriff auf sich sahen, den es zu vergelten galt.[5]

Der einzige Fürsprecher der Juden war das sozialdemokratische „Coburger Volksblatt“. Für die Sozialdemokraten war die Verteidigung der Juden zugleich ein Teil des Kampfes für die Weimarer Republik, da bei den Nationalsozialisten Antisemitismus und antidemokratische Ansichten miteinander verbunden waren.[6]

In der Wirtschaft wurde ebenfalls massiv Stimmung gegen die Juden gemacht. Viele Coburger (nichtjüdische) Geschäftsleute betrachteten den Antisemitismus als geeignetes Mittel, sich der jüdischen Konkurrenz zu entledigen. Im Februar 1931 veranstaltete die nationalsozialistische „National-Zeitung“ ein Preisausschreiben. Hierbei sollten die Leser ihre negativen Erlebnisse bei Einkäufen in jüdischen Läden einsenden. Die „beste Einsendung“, also der schlimmste Bericht über einen jüdischen Geschäftsmann, sollte prämiert werden. Daneben gab es auch immer Boykottaufrufe in der „National-Zeitung“ gegen jüdische Geschäfte.[7]

Auch das Landestheater blieb von antisemitischen Aktionen nicht verschont. Ende 1929 erklärte der Erste Bürgermeister Coburgs, Erich Unverfähr, im Verwaltungsausschuss des Landestheaters, dass bei den momentanen Mehrheitsverhältnissen im Coburger Stadtrat und der politischen Einstellung der Bevölkerung Juden im Landestheater keine Beschäftigung mehr erhalten sollten. Schon engagierte jüdische Schauspieler mussten ihre Entlassung befürchten. In der jüdischen Gemeinde Coburgs löste dieses Vorgehen Prostest aus. Nachdem ihnen aber versichert wurde, dass sich diese Maßnahme nicht gegen Juden im Allgemeinen richte, sondern man nur „osteuropäische Juden“ vom Theater fernhalten wolle, gaben sich die Juden mit dieser fadenscheinigen Erklärung zufrieden.[8]

Seit dem 28. März 1930 wurde des Weiteren ein Schächtverbot erlassen und 1932 den Juden die Lieferung von Lebensmitteln, Fleisch, Fisch und von Wäsche für das Landeskrankenhaus verboten. Außerdem war ihnen die Benutzung der städtischen Bäder untersagt. [9]

 

[1]     Fromm, Hubert: Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Coburg 2001. S. 46.

[2]     Vgl. Ebenda, S. 48ff.

[3]     Ebenda, S. 48f.

[4]     Ebenda, S. 47.

[5]     Ebenda, S. 50f.

[6]     Ebenda, S. 7f., 50.

[7]     Albrecht, Joachim: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933. Frankfurt/Main 2005. (= Europäische Hochschulschriften. Reihe II. Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 1008). S. 143f.; Fromm: Die Coburger Juden. S. 54.

[8]     Albrecht: Die Avantgarde des „Dritten Reiches“. S. 164f.

[9]     Ebenda, S. 145; Asmalsky, Ludwig: Der Nationalsozialismus und die NSDAP in Coburg 1922-1933. Unveröffentlichte Zulassungsarbeit zur Prüfung für das Lehramt an den Gymnasien in Bayern an der Universität Würzburg. Würzburg 1969. S. 81.



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letzte Aktualisierung am 29.04.2015 12:28:12


 

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