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Schlitten, Skater und Flaschenbier: Der Probstgrund

Für uns Innenstadtkinder gehörte der Probstgrund nicht zum täglichen Revier. Zum Spielen war er zu weit abgelegen, und die Kämpfe zwischen den Kinder- und Jugendbanden wurden dort ausgetragen, wo sie entstanden, nämlich in der Nägleins,- Neu,- Kirch- und Judengasse. Von gelegentlichen Streifzügen wusste man nur, dass dort Leute wohnten, die schon zu schimpfen begannen, bevor man überhaupt nur in Sichtweite ihrer sorgsam beschnittenen Hecken und gepflegten Vorgärten kam. Einmal im Jahre war die Gegend allerdings interessant, nämlich dann, wenn die Frühlingssonne den Schnee im Veilchental in nassen Matsch verwandelte und einem bei den letzten Schlittenfahrversuchen das Wasser kalt von unten ins Hosenbein spritzte. Dann nahm man den Hobel huckepack und zog etwas weiter hinauf in den Probstgrund. Am Nordhang ging es dort auf festem Schnee noch immer wunderbar hangab, zu Zeiten, als auf der gegenüberliegenden Talseite schon die Schneeglöckchen und Märzenbecher blühten.

So mag es Leute geben, die meinen, ein bisschen von Saas Fee oder St. Moritz habe die Gegend da hinten schon, auch dann, wenn der letzte Schnee geschmolzen ist. Etwas ist da gewiss auch dran. Autos fahren dort nicht viele, aber die man sieht, gehören eher zur besseren Klasse. Manch schöne Villa kann man ebenfalls entdecken und im DSZ, dem örtlichen Wahllokal, deuten die Ergebnisse an den Tagen des Urnengangs in der Regel nicht gerade auf Umsturz hin.

Wer deshalb aber glaubt, er habe es hier vornehmlich nur mit einer betuchten und betagten Einwohnerschaft zu tun, der täuscht sich. Der Probstgrund, die Elsässer Straße und die Lange Gasse – das war früher vor allem ein Viertel der kleinen Leute. Die Coburger mit Geld, wie z. B. die ortsansässigen Geschäftsleute, die wohnten meist in der „Belle Étage“ über ihren Läden in den bekannten Einkaufsstraßen, und die etwas besser verdienenden Ärzte und Rechtsanwälte residierten am Festungsberg. Wer in den Probstgrund zog, für den war der Garten kein Freizeitluxus, sondern eine entscheidende Grundlage des Überlebens. Trotz späterer Modernisierungen und Erweiterungen sieht man das vielen der Häuser heute noch an: Das waren meist recht bescheidene Domizile, die sich da das Tal hinaufzogen. Mit Bodenspekulation hatten die nach heutigen Maßstäben sehr weitläufigen Gartengrundstücke nichts zu tun. Sie wurden dringend gebraucht, um mit dem Obst- und Gemüseanbau das Einkommen aufzubessern oder die Familie durchzubringen. Und wo Arbeit zählte, da blühte auch Handel und Wandel: Im Probstgrund verdienten einst zwei größere Schreinereibetriebe, ein Wirtshaus, ein Ausflugslokal und mehrere Pensionen ihr Geld. Erst in der Zeit um den ersten Weltkrieg und dann wieder mit dem Wirtschaftswunder drangen die privilegierten Stände mit ihren Villen langsam und insgesamt gesehen behutsam in diese einmalige Gartenlandschaft vor. Mit welcher Unbekümmertheit sich das ansässige Volk dieser Entwicklung sprachlich stellte, zeigt das Beispiel von „Bulton Hall“, dem eleganten, 1899 erbauten Sitz des englischen Leibarztes des Herzogs. Im Volksmund wurde dieser Prachtbau ganz einfach in „Boullionhallle“ umbenannt.

Und was ist der Probstgrund heute? Zunächst eine wunderschöne, erholsame Wohngegend. Man darf es schon als ein besonderes Privileg empfinden, am Morgen zu erwachen, zum Fenster hinauszusehen, und erst einmal gute Laune zu haben. Die mag schnell wieder vergehen, aber immerhin, einmal am Tage hat man sie wenigstens gehabt. Und wenn wir als Kinder diese Ecke Coburgs langweilig fanden, weil dort nur ältere Menschen zu leben schienen, hat sich auch das geändert. Heute zieht es wieder junge Familien hierher, in der Frühe sieht man Kinder zur Schule gehen, die sich um die Mittagszeit kloppend wieder nach Hause bewegen. Auch für Jugendliche wird etwas geboten: Der Probstgrund ist eine ideale Rollerskater- und Skateboardbahn, sanft abfallend weit über einen Kilometer lang, da wird man nicht zu schnell und bleibt trotzdem gut in Fahrt. Auch zufällig entgegenkommende Autos können die Freude nicht trüben, denn der Straßenverkehrsordnung gemäß sind sie es, die eine Lücke zwischen den parkenden Fahrzeugen zu suchen haben, um den talwärts sausenden Skatern Platz zu machen.

Wer aber noch mehr erfahren will über diese Gegend, der komme doch einfach einmal auf das Sommerfest der Flaschenbierhandlung Läsker, der einzigen Versorgungseinrichtung, die die Zeiten überlebte. Da stehen die Tische bis auf die Straße, jedermann sitzt fröhlich feiernd und schwatzend bis in die Nacht hinein beisammen und alles Nebensächliche, ob Mercedes oder BMW, Astra oder Lupo ist schnell vergessen. Und wenn die Autos in der Garage bleiben, dann wird sie real existent, die klassenlose Gesellschaft im Probstgrund, in der Weinstraße, in der Elsässer Straße und der Langen Gasse!

Rupert Appeltshauser

 


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Rupert Appeltshauser


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Kategorien: Zeitzeugenberichte

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letzte Aktualisierung am 07.08.2014 07:01:18