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Thomas Apfel, Redaktionsleiter bei Radio EINS in Coburg, zum Unterschied von Berichterstattung und Stimmungsmache

Only Bad News are Good News – nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Das hat jeder von uns Radiomachern schon mal gehört. Blut, Sperma – Mord und Totschlag – das zieht immer. Das hat mal ein Berater zu mir gesagt. Das sehe ich, nach über 16 Jahren Berufserfahrung ein bisschen anders. Wir leben in einer Welt, in der uns durch die Medien Terror und Gewalt omnipräsent gemacht werden. Egal wo etwas geschieht, es fühlt sich so an, als wären wir unmittelbar davon betroffen. Spekulationen, Hinzudichtungen und Schlagwörter verdüstern die Stimmung zusätzlich. Warum sollten wir als Radiomacher das Klima weiter mit anheizen?

Wir bei Radio EINS haben zum Beispiel nach dem Anschlag von Berlin unser normales Programm weiter gesendet. Also, Infos aus der Region, Musik wie immer und auch sonst eigentlich alles wie immer. Keine Panikmache, keine Stimmungsmache – wir haben uns auf die Fakten konzentriert. So wie wir es eigentlich immer tun! Es gab dafür einiges an Kritik. Einige Hörer haben angerufen und auch geschrieben. „Wie könnt ihr nach diesem Anschlag nur normal weitermachen?“
 
Auch hier, in unserer Region, könnten wir uns an Sensationsmeldungen beteiligen. Ein Beispiel: Bei uns ging eine Meldung mit folgendem Inhalt ein: „Am Coburger Marktplatz treffen sich täglich irgendwelche Flüchtlinge. Die rotten sich da zusammen und hecken irgendwas aus! Da hat man richtig Angst daran vorbei zu laufen!“
 
Das war nach den Ereignissen der vorletzten Silvesternacht in Köln. Wir hätten natürlich über den Sender Angst schüren können. Wir haben uns aber dazu entschlossen, erst einmal nichts zu melden und der Sache nachzugehen. Wir haben mit der Polizei, der Stadtverwaltung und den Flüchtlingen vor Ort gesprochen. Und siehe da – es gab eine ganz einfache Erklärung.

Ja es stimmt - tagtäglich haben sich am Coburger Markt viele Flüchtlinge getroffen. Es gab hier nämlich einen frei zugänglichen W-LAN-Empfang. Für viele Menschen war das die günstigste Chance, mit ihren Liebsten in der Heimat in Verbindung zu treten.
Über diese Fakten haben wir berichtet. Was uns im Nachgang aber viel Kritik einbrachte: „Lügenpresse! Ihr seid ja verpflichtet über das alles so zu berichten.“ Es gab sogar anonyme Briefe an unsere Redaktion, adressiert an „den Apfel und seine Konsorten bei Radio EINS.“
Ich sehe es allerdings nach wie vor als unsere Pflicht an, immer mehrere Quellen zu hören oder zu sichten, bevor man solch sensible Meldungen über den Äther jagt. Das ist sogar unsere Pflicht als Journalisten!
 
Aufpassen müssen wir Radiomacher, aber eigentlich alle, vor den Fake News. Immer mehr Menschen informieren sich in Sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter über aktuelle Ereignisse. Dabei läuft man Gefahr, Falschmeldungen aufzusitzen. Die Verursacher setzen auf eine perfide Methode: Sie machen unter dem Deckmantel der Berichterstattung systematisch Stimmung gegen Fremde und Randgruppen. Klickt man weiter, dann wird man auf populistische, nicht selten auf rechtsextreme Angebote weitergeleitet.
 
Populismus wird in Zukunft leider zu einem treuen Begleiter werden. Einfach mal was behaupten – fällt ja auch oft sehr leicht. Populisten gleichen Schulhoftyrannen. Wer am lautesten schreit, sich traut, auch Lehrer anzupöbeln und den Eindruck macht, ihm kann keiner was, wird immer Mitschüler finden, die ihn bewundern. Und sei es nur, weil sie es genießen, die Angst und die Unsicherheit zu spüren, die Schulhoftyrannen verbreiten. Wie Schulhoftyrannen gewinnen Populisten ihren Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung auch aus dem Schweigen derer, denen Kraftmeierei und Schaumschlägerei zuwider sind.
 
Der Journalist ist der natürliche Feind des Populisten. Denn wenn er seinen Beruf richtig macht, arbeitet der Journalist mit Fakten. Fakten aber konterkarieren die einfache Weltsicht, die der Populist verbreitet. Fakten sind langweilig, weil sie zeigen, dass die Welt nicht nur schwarz-weiß ist und dass man beispielsweise nicht einfach eine Mauer zwischen Mexiko und die USA bauen und dafür die Mexikaner bezahlen lassen kann. Fakten stören, weil sich mit ihnen nachweisen lässt, dass der Kaiser keine Kleider anhat. Kein Wunder also, dass es zum Kerngeschäft des Populisten gehört, die Medien zu diskreditieren.
 
Wir von Radio EINS verbreiten lieber Gutes - oft und gerne. Und glauben sie mir – es macht viel mehr Spaß über die Investition einer Firma in der Region zu berichten als über eine Pleite. Es ist viel schöner einer älteren Hörerin im Programm kurz vor Weihnachten eine Freude zu machen als über irgendwelche Schreckensmeldungen oder Unfälle zu berichten.
 
Ja, schlechte Neuigkeiten sind oft gute Nachrichten. Gute Nachrichten und ein gewisses Maß an Empathie erzeugen aber ein wohliges Gefühl. Und das können wir alle gut gebrauchen.
 

Verknüpfte Dokumente
 
Quellen

Thomas Apfel, Radio EINS


Informationen

Kategorien: Lesebuch 8 "Luther, Medien, Pressefreiheit" |

letzte Aktualisierung am 02.04.2017 12:32:21


 

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