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1933

Berta und Hermann Hirsch, geb. 1891 + 1883 / Hohe Straße 30

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Hohe Straße 30

Hier wohnten Berta und Hermann Hirsch. Berta Hirsch wurde am 16. Mai 1891 in Bendorf geboren, Hermann Hirsch am 19. Juni 1883 in Hanau. 1914 übernahm Hermann Hirsch die Stelle des Predigers der Israelitischen Kultusgemeinde in Coburg. 1915 wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Unterdessen erwarb seine Frau, die aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, dieses Haus in der Hohen Straße 30. 1917 kehrte Hermann Hirsch aus dem Krieg zurück und gründete in dem Haus eine jüdische Internatsschule, die sich zu einem der angesehensten jüdischen Landschulheime in Deutschland entwickelte. Darüber hinaus erteilte er an den Coburger Schulen jüdischen Religionsunterricht. Außerdem war er Musikkritiker beim Coburger Tageblatt. Die Hirschs nahmen aktiv am öffentlichen Leben der Stadt teil. Hermann Hirsch war sogar Mitglied des Jugendamt- und des Wohlfahrts-Hauptausschusses. Die Familie geriet deshalb sehr früh in den Strudel des Antisemitismus. 1933 wurde Hermann Hirsch verhaftet und in der Prügelstube körperlich misshandelt. Über eine Woche hielten die Nazis ihn gefangen. Als sie ihn endlich freiließen, wurde er gezwungen, eine öffentliche Erklärung abzugeben, dass alle Gerüchte über Gräueltaten in Coburg frei erfunden seien. Es konnte einwandfrei nachgewiesen werden, dass Hermann Hirsch die Erklärung unter Drohungen verfasste.
1935 wandelte die Familie das Internat in eine Volksschule um. Bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 konnten die Hirschs den Unterricht trotz häufiger Anfeindungen fortführen. In der Reichspogromnacht zwangen die Nazis Schüler, die Fensterscheiben ihres Internats einzuschlagen. Außerdem zerstörten SS-Leute die in der Schule eingerichtete Betstube. Hermann Hirsch wurde zum zweiten Mal verhaftet und nach Hof ins Gefängnis gebracht, wo er mehrere Monate eingesperrt war. Berta Hirsch bemühte sich in der Zwischenzeit, die Auswanderung der Familie zu ermöglichen. Sie machte sich auf den Weg nach Berlin zum Einwanderungsamt für Palästina. Um das für die Auswanderung nötige Geld aufzutreiben, musste Berta Hirsch immer wieder Freunde um Hilfe bitten. Es dauerte lange, bis sie alle notwendigen Ausreisepapiere zusammen hatte. Erst dann wurde Hermann Hirsch freigelassen. Das Ehepaar muss in Coburg alles aufgeben, um wenigstens sein Leben retten zu können. Die Drohungen, Misshandlungen, Kränkungen, Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte sind an Hermann Hirsch nicht spurlos vorüber gegangen: Als er Deutschland 1939 verließ, um nach Palästina zu gehen, war er körperlich und seelisch am Ende. Ein Arzt schrieb: „Herr Hirsch war vom Anfang der Behandlung an das typische Bild eines körperlich und nervlich gebrochenen Menschen. Sowohl er wie auch seine Familie erklärten wiederholt, dass dieser Zustand während und infolge der Verfolgungsmaßnahmen seitens der Nationalsozialisten aufgetreten war. Meine ärztlichen Beobachtungen bestätigen diese Angaben. Im Januar 1942 verstarb Hermann Hirsch an den Folgen einer Lungenentzündung. Berta Hirsch setzte nach seinem Tod die Arbeit ihres Mannes fort und leitete ein Landschulheim in Palästina. Das Ehepaar Hirsch hatte zwei Töchter: Esther und Lore Hirsch. Lore Hirsch lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Tel Aviv, Esther Hirsch in Israel in der Nähe der Grenze zum Libanon.

 

Paten Berta und Hermann Hirsch: Dr. Andrea Carstensen und das Evangelische Bildungswerk



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Quellen

Fromm, Hubert: Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal. Herausgegeben vom Evangelischen Bildungswerk Coburg und der Initiative Stadtmuseum Coburg. Neustadt bei Coburg. Patzschke 2001. (Stadtarchiv Coburg)


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Kategorien: Stolpersteine |

letzte Aktualisierung am 22.05.2014 15:05:58