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20.07.1944

Im Konflikt zwischen Pflichterfüllung und Widerstand Teil III

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Ein Beitrag von Rupert Appeltshauser

Diese Grundorientierung Hansens ist auch von zentraler Bedeutung für das Verständnis seiner Rolle bei den Vorbereitungen und der Durchführung des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944. Vieles ist hier ungeklärt und widersprüchlich. Eindeutig belegt ist, dass Hansen an einem Treffen des engeren Kreises der Verschwörer in Stauffenbergs Wohnung in Wannsee am Sonntag, den 16. Juli um 19.00 teilnahm. Späteren Aussagen der Beteiligten gegenüber der Gestapo zufolge ging es bei diesem Zusammentreffen aber nicht um konkrete Planungen für den 20. Juli, sondern um die Diskussion „anderer Lösungen“13 vor dem Hintergrund der bisher gescheiterten Attentatsversuche. Im Mittelpunkt der Erörterungen stand wiederum der Gedanke einer „Westlösung“, wobei man davon ausging, einflussreiche Offiziere der Westfront wie z. B. die Generäle Rommel, Kluge und Stülpnagel zu gewinnen und mit deren Hilfe eigenmächtig einen schnellen Waffenstillstand herbeiführen zu können, nicht zuletzt, um die Kräfte für den Kampf im Osten freizuhalten. Wegen des rein militärischen Charakters eines solchen Vorhabens kann man von der Unterstützung Hansens ausgehen, allerdings wurden Planungen solcher Art durch die schwere Verwundung Rommels am Nachmittag des 17. Juli hinfällig.

An der direkten Vorbereitung und Ausführung des Attentats vom 20. Juli war Hansen nachweislich nicht beteiligt. Er hielt sich während dieser Zeit in seiner fränkischen Heimat auf. Am 19. Juli stand dort die Taufe seiner vier Tage zuvor geborenen Tochter Dagmar an, aber allein private Gründe reichen nicht aus, um seine Abwesenheit zu erklären. Nach Hans Bernd Gisevius, der als Agent des Amtes Ausland/ Abwehr dem Widerstand nahe stand, habe Hansen „mit dem schlecht vorbereiteten Putsch nichts zu tun haben wollen und sei ‚ostentativ auf Urlaub gefahren‘“.14 Das klingt zwar nicht besonders freundlich, die Äußerung dürfte aber in Anbetracht der Hoffnungen, die Hansen in eine „Westlösung“ setzte, seiner nachweisbaren Abneigung gegenüber Stauffenberg und der tief sitzenden Skepsis gegenüber politischen Lösungen so unbegründet nicht sein. Die zahlreichen Zusammenkünfte mit Stauffenberg und Hansen in den Tagen vor dem Attentat, über die Gisevius berichtet15, können diese Sicht der Dinge nur bestätigen. Schon nach einem Treffen in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli in einer konspirativen Wohnung hatte sich Hansen in recht emotionaler Form von den Plänen und der Vorgehensweise Stauffenbergs distanziert16, bei anderer Gelegenheit hatte er ihn als „nervös, launisch und durchgedreht“17 bezeichnet. Es ist durchaus denkbar, dass auch er die Vorbehalte seines Amtsvorgängers Canaris gegen ein Attentat teilte und wie dieser „bezweifelte, dass der Oberst von Stauffenberg der geeignete Mann sei, einen Putsch exakt zu planen und auszuführen, ...“18. Anstoß nahm Hansen auch an der vermeintlichen Wende Stauffenbergs zu einer neuen Ostorientierung, derzufolge er jetzt “an den gemeinsamen Siegeszug der grau- roten Armeen gegen die Plutokraten”1 9dachte. Aus den Aufzeichnungen von Gisevius geht weiterhin hervor, dass Hansen bis zuletzt immer wieder den Gedanken einer “Westlösung” in den Vordergrund zu stellen versuchte und dabei auch anbot, sein Dienstflugzeug zur Verfügung zu stellen, um General Kluge in Frankreich zu kontaktieren.20 Noch am Morgen des 17. Juli spricht sich Hansen sehr dezidiert gegen den Putsch aus, weil er fest davon überzeugt ist, “... die Sache müsse schiefgehen.”21 Dafür setzt er sich noch einmal eindringlich für eine unter den Militärs ausgehandelte Westlösung ein, für die er sich nach wie vor die Mitwirkung von Ludwig Beck erhoffte. Unter dem Eindruck der am gleichen Tage bekannt gewordenen Verhaftung von Goerdeler und aus Einsicht, dass nun bald gehandelt werden musste, stellte sich dieser nun aber klar hinter Stauffenberg22. Hansen entschied sich dagegen am Tage darauf, Berlin in Richtung Franken zu verlassen.



13 ebd., S. 457

14 ebd., S. 502

15 Gisevius, Hans Bernd, Biszum bitteren Ende, 2 Bd., Hamburg 1947

16 Gisevius, Bd. 2, S. 269

17 ebd., S. 273

18 Höhne, Heinz, Canaris. Patriot im Zwielicht, München 1976, S. 537

19 Gisevius, Bd. 2., S. 274

20 ebd., S. 295

21 ebd., S. 299

22 ebd., S. 302


Verknüpfte Dokumente
 
Quellen

Rupert Appeltshauser Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 50. Jg., Coburg im Dezember 2005


Informationen

Kategorien: Porträts

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letzte Aktualisierung am 04.04.2014 09:40:34