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Der Gurkenmann

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Ein Männchen, nicht größer als Jakob, steht da an der Ecke zur Löwenstraße. Vor sich ein kleines Holzfass. Salzgurken verkauft er. Dicke Brillengläser spiegeln seine Augen fast weg. Wunde Stellen und kleine Grinde am hageren Faltenhals. Um den Kragen aus kariertem Flanell die Krawatte fest gezurrt. Mit dem Wasserkamm hat er das schüttere Haar an den Schädel geklebt. Die Holzzange taucht er ein, holt eine Gurke aus der Lake, lässt sie mit kurzem Schütteln noch einmal abtropfen und reicht sie den Kunden.
Gleich ist Jakob an der Reihe. Den verschwitzten Groschen hält er bereit. Hinter ihm eine Stimme. Halblaut. So eine Flüchtlingssprache. Sagt, dass sie den Zwerg vergessen haben. Jakob dreht sich um. Zwei Männer. Beide schauen auf den Gurkenmann. Und dann etwas leiser: zu vergasen.
Einen der beiden kennt er aus dem Sonntagsgottesdienst in Sankt Augustin. Der Gurkenmann tippt Jakob an die Schulter. Er ist dran.

Vergasen – was das eigentlich ist, will er zu Hause von der Mutter wissen. Die blickt kurz zum Vater. Das bedeute eigentlich nichts Besonderes. Das sage man einfach bloß so. Man könne sagen, dass man die Vokabeln gelernt hat bis zur Vergasung und trotzdem bloß eine Drei gekriegt hat.
Ach so.


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Quellen

Joachim Kortner aus seinem Roman "Raststraße".


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Kategorien: Zeitzeugenberichte

| Brunnen |

letzte Aktualisierung am 02.04.2014 12:08:55