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Brief an meine Mutter Teil II

36828 Zeichnung: Richard Wollandt

Ein Beitrag von Richard Wollandt

 

Liebe Mutti,

wir alle, Deiner ehemaligen Familie denken viel an Dich. Entzückt war ich, als Karlheinz mir erzählte, dass er mit Hilde von Carola des Öfteren eingeladen wird und da wird gekocht, was Mutti uns so gerne vorsetzte. Neulich gab es zum Beispiel Hühnerfrikassee. Du siehst also, Deine Küche, liebe Mutti, ist noch in aller Munde. Mit Dir, liebe Mutti, hatten wir das große Glück, eine sehr liebe Mutti zu haben. Das lag nicht zuletzt daran, weil Du eine sehr starke Frau warst. Du hast fünf Kinder bekommen und großgezogen, die alle zu guten Persönlichkeiten heranwuchsen. Und das zu Zeiten, in denen das Leben noch viel mühseliger war. Bewusst sind mir noch die Jahre auf dem Brauhof. Schon an einem Waschtag – es waren drei – kann ich deine Stärke ermessen, weil ich dir dabei half. Es gab dort drei Waschküchen. Wenn wir die linke Waschküche erwischten, hatten wir Glück, denn es war die größte. Den Kessel zu befeuern war meine Aufgabe. Die Wäsche wurde vorgewaschen, gerumpelt, gekocht, gefleiht und durch eine Wringmaschine geleiert. Zuletzt wurde sie auf die drei Dachböden einer alten Scheune getragen und zum Trocknen aufgehängt. Wenn der Waschtag auf einen Sonntag fiel, machte Papa den Braten mit Klößen. War er damit fertig, schickte er Cherry, unseren kleinen Hund, zu Dir und du wusstest: Das Essen ist fertig. Eines Morgens gingst du hochschwanger mit Deinem Köfferchen zu Fuß ganz allein vom Brauhof in die Bahnhofstraße zur Kinderklinik Dr. Dreyer und noch am selben Tag kam Christa zu Welt. Du erzähltest später, dass die paar Tage Kinderklinik für dich wunderbare Urlaubstage waren. Ein Jahr später war Krieg und Papa wurde eingezogen, obwohl bereits im ersten Weltkrieg schwer verwundet worden war. Nun wurdest du, liebe Mutti, auch noch Geschäftsfrau. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, wie du das alles geschafft hast. Oma starb 1938 und Christa war ein Kleinkind. Ich musste Sie vor Schulbeginn in den Kindergarten bringen. Zum Glück durfte Hilde ihr Haushaltspflichtjahr zu Hause machen, bevor sie bei Otto H. Koen als Azubi anfing. Und die liebe Verwandtschaft? Mit ihr hattest du viel Ärger. Da wurden nur Fehlleistungen registriert. Leistung gab es da nicht. Da wurden Vorschriften gemacht, zum Beispiel: man soll nur Margarine essen und keine Butter. Ich kann mich noch erinnern, wie Papa aus der Butter einen Würfel formte, damit es so aussah wie Margarine. Papa musste als Soldat nach Polen und kam mit einem schweren Gelenkrheumatismus zurück. Viele Wochen musste er ins Krankenhaus. Trotz allem, liebe Mutti, hast du Sorge getragen, dass die Familie auch kulturell etwas mitbekam. Jeden Donnerstag konnte, wer Zeit und Lust hatte, zu einer Vorstellung ins Coburger Landestheater, denn du hattest ein Abonnement besorgt. Unser Papa war mit Lust und Liebe Schreiner. Er wollte es bleiben, aber sein Schicksal ließ es nicht zu. In den 30er Jahren entwarf er sein Büfett. Ich war überrascht, wie gut mein Vater zeichnen konnte. Er ließ es unter seiner strengen Aufsicht bauen. Ein schönes Büfett gehörte damals in jeden guten, bürgerlichen Haushalt. Fasziniert war ich damals von der mittleren Schranktür. Sie bestand aus einer Nussbaumwurzelplatte, die in vier Teile geschnitten und wieder so zusammengefügt war, dass ein symmetrisches Muster entstand. Ich saß oft davor und betrachtete sie staunend wie ein abstraktes Gemälde. Durch dich liebe Mutti, bekam das Büfett einen besonderen Akzent, denn du besorgtest eine versilberte Kaffeekanne. Ich glaube der Anlass war Hildes Konfirmation. Dieses schöne Stück stand im mittleren Teil des Büfetts hinter Glas und strahlte eine bürgerliche Wohlhabenheit aus, die michfaszinierte. An einem verregneten Sonntag holte ich sie mir heraus und malte sie in Aquarell. Zum Glück blieb mir diese Studie bis heute erhalten. Da fällt mir noch etwas ein: Als ich aus dem Krieg und der Gefangenschaft zurückkam, erzählte man mir, dass du unmittelbar nach Kriegsende mitgeholfen hast, eine Panzersperre zu beseitigen. Du warst halt doch eine starke Frau, liebe Mutti, deshalb werden wir immer an dich denken!

 

Dein einziger Sohn

Richard

 


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Quellen

Richard Wollandt


Informationen

Kategorien: Lesebuch 8 "Luther, Medien, Pressefreiheit" |

letzte Aktualisierung am 13.12.2013 10:51:56


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