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1945 - 1945

Als Kriegsverwundeter im Coburg der Nachkriegszeit

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47194 Der Coburger Marktplatz im April 1945. Im Hintergrund: Stadthaus und Prinz-Albert-Denkmal. Foto: News and Features Bureau/United States Office of War Information (OWI). Quelle: Stadtarchiv Coburg.

Der Coburger Marktplatz im August 2012. Im Hintergrund: Stadthaus und Prinz-Albert-Denkmal.

Mit 19 Jahren wurde Werner Fischer als Verwundeter unmittelbar nach Kriegsende 1945 aus einem Gefangenenlager im tschechischen Cheb (dt. Eger) in ein Lazarett nach Coburg verlegt. Nahezu 70 Jahre später, kehrte er 2014 noch einmal in die Stadt zurück, die ihn damals (wie heute) tief beeindruckte und die, so Fischer, auf eine so „vorsichtige und behutsame Weise das Alte mit dem Neuen verbunden hat“. Wie er die Stadt unmittelbar nach Kriegsende erlebte, welche Erinnerungen die Zeit überdauerten und wie es sich anfühlte, der Stadt nach 70 Jahren noch einmal zu begegnen, schildert Werner Fischer in seinem Bericht:

Nach 69 Jahren war ich im September wieder nach Coburg gekommen. Es war für mich eine Reise in die Vergangenheit, die mich in meinen alten Tagen so sehr beeindruckt hat, dass ich davon erzählen will. Kurz nach Kriegsende, im Mai oder Juni 1945 kam ich mit einem Krankenwagen der Amerikaner von dem riesigen Gefangenenlager in Eger ins Reservelazarett im Albertinum nach Coburg. Von der Hölle in den Himmel. Die Sanitäter hatten die Trage im Gang abgestellt, da wurden aus den Zimmern die großen Eisentöpfe herausgetragen. Es hatte Reis gegeben und ich konnte es kaum fassen, die Töpfe waren nicht ausgeschleckt. Wer irgendwie konnte, stürzte sich auf sie und holte mit den Händen die Reste heraus. Hier musste keiner hungern. Die Amerikaner waren großzügige „Gefangenenwärter“. Nach einiger Zeit hatte ich einen Passierschein für einen Ausgang in die Stadt. Was für eine Stadt. Keine Trümmerwüsten, ich sah keine Zerstörungen. Heile Welt – Das gab es also auch noch. Später merkte ich, dass dieser Himmel schlimm verwanzt war. Üble Plagegeister! Die Amerikaner hatten ein Pulver dagegen.

Rückkehr nach fast 70 Jahren

Es war ein Regentag. Vom Thüringer Wald sah ich kaum mehr als viele Tunnels. Gegen Abend kam ich nach Coburg und suchte nach einem Parkplatz für längere Zeit, der zudem möglichst am Stadtzentrum liegen sollte. Ein übles Umherfahren. Dann – genau richtig. Am Hofgarten unter großen Bäume. Irgendwie hatte ich freilich ein mulmiges Gefühl, denn es standen hier keine Autos. Ich ging in die Stadt und war – wie damals 1945 – nicht nur beeindruckt, sondern verzaubert.

Die Coburger Innenstadt nach Kriegsende

Da war das Theater. Bei einer Gründungsversammlung der CSU war ich und erlebte dann auch, wie man, eigentlich kaum zu glauben, das Theater wiedereröffnete. An die „Entführung aus dem Serail“ und an „Meine Schwester und ich“ erinnere ich mich auch gut. Auch ein kleines Ballett hatte man.

Etwas später! Ein Oberschenkelamputierter wurde aus dem Lazarett und damit auch aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Er war Musiker und spielte jetzt im Orchester des Theaters. In Untermiete wohnte er bei einer Frau – so etwas gab es damals noch – und seinen Anzug hatte ihm ein katholischer Kaplan geliehen. Oft habe ich ihm übriges Essen in einem Wehrmachtsgeschirr zum Theater gebracht. Während der Theaterpause schlürfte er hastig im Orchestergraben das Mitgebrachte. Später war er Jahrzehnte beim Südwestfunk in Baden-Baden, seiner Heimatstadt. Bei Zusammentreffen hat er mich als seinen Lebensretter bezeichnet. Na ja, wahr wohl reichlich übertrieben.

Ich ging weiter und kam zum Stadtschloss. In einem Saal war ich zu einer Gerichtsverhandlung. Den Amerikanern war es zu Ohren gekommen, dass sich in dem Lazarett, in dem ich war, eine Gruppe gab, die Nazis waren und Böses planten. Tatsache jedoch war, dass einige junge Ärzte und Verwundete sich zusammengefunden hatten. Sie wollten die Welt verbessern und einen Orden gründen. „Ich dien“ sollte sein Name sein. An einer Satzung hatte man sich schon versucht. Die Sache dann vor dem Militärgericht ging irgendwie glimpflich aus und ist schließlich im Sande verlaufen.

Es gab so viel was sich so kurz nach Kriegsende in dieser Stadt abspielte, von dem der ehrsame Bürger nichts mitbekommen hat. Die Zahl der Menschen, die in das unzerstörte Coburg gespült wurden, war groß und nicht zu überblicken. Manche hatten sich zu Zirkeln zusammengefunden. Es gab Wahrsager. In einer Dachwohnung war eine Versammlung von frommen Leuten, die von weit hergekommen waren. Sehr überrascht war ich, als man mich mit einem Bruderkuss begrüßte. Man feierte Abendmahl. In Ermangelung von Wein wurde Wasser gereicht.

Nachkriegsschicksale und -erlebnisse

Zwei Erlebnisse von zwei 20-30-jährigen Frauen beeindruckten mich besonders. Sie war stämmig mit einem runden Gesicht. Ein Bauernmadel. Sie stammte aus Ostpreußen. Ihre Mutter hatte es mit den kleinen Geschwistern nach Schleswig-Holstein verschlagen. Für sie war nur bekannt, dass der Vater schwer verwundet war und irgendwo in Franken in einem Lazarett sei. Nun war die Tochter auf der Suche. Sie fand ihren Vater in Coburg. Sie sah darin eine göttliche Führung und war voll des Dankes.

Der andere Fall. Ein Herr aus Simmersfeld im Schwarzwald musste noch kurz vor Kriegsende Soldat werden. Der eigenartige Mann war unter den Kameraden ob seiner frommen Sprüche zum Gespött geworden. Der damalige Ausspruch „Kameraden sind Lumpen“ bewahrheitete sich hier. Als Kranker war er in einem Lazarett in Kronach. Er hätte entlassen werden können, hatte aber keinen Mumm. „Erst müssen meine Strümpfe gestopft werden.“ Der Familienrat im Schwarzwald beschloss schließlich, dass seine couragierte Schwester ihn heimholen sollte. Das war für die Frau, die kaum einmal aus dem Dorf herausgekommen war, eine große Aufgabe. Sie schaffte es schließlich. Etwa ein Jahr später besuchte ich den Herrn. Gut gekleidet, gut situiert saß er bei seinem schwerkranken Vater, einem begüterten Bauern. Etwas verworren und eigenartig war er noch immer. Er ist bald darauf verstorben.

Unter den Männern in den Krankenzimmern, früher Klassenzimmern, gab es verständlicherweise Spannungen, sogar üble Schlägereien, bei denen ich auch mitmachte. Erstmals hörte ich die zündende Melodie der „Internationale“ und wurde mit der katholischen Morallehre etwas bekannt. Ich war vielseitig interessiert und habe damals auch eine kleine Umfrage bei den Coburgern gestartet. Ich wollte wissen, was sie gerade getan haben, als die Sirenen Panzeralarm gegeben haben. Das war 5 Minuten lang – oder sogar noch länger, der auf und abjaulende Ton. Panzeralarm wurde kurz vor der Einnahme der Stadt durch die Amerikaner gegeben. Irgendwann später habe ich die Unterlagen – sie waren nicht sondern aussagekräftig – weggeworfen.

Aber wer war ich denn? Ich war 19 Jahre alt, hatte den Arm wegen der noch offenen Wunden in der Binde und hinkte wegen einer Beinverletzung. Die vielen kleinen Granatsplitter eiterten und wurden zum Teil dann mit der Pinzette herausgezogen. Einige habe ich heute noch im Körper. Sie haben sich verkapselt. Ganz übel: Mir fehlte ein Schneidezahn. Pflaster sind in der Regel hautfarben. Es gibt gibt aber auch weiße. Diese wickelte ich zusammen und klemmte sie in die Zahnlücke. Es war eine Notlösung, aber ich war eben ein eitler Bursche.

Was mich heute noch wundert: Die Monate in Coburg haben sich so tief in mein Gedächtnis eingegraben, dass ich sie jetzt noch leicht abrufen kann.

Folgende Begebenheit gehört zu diesen Erinnerungen. Die Stelle weiß ich noch genau. Zwischen der Salvatorkirche und dem hohen Stadttor war es, als ich von zwei amerikanischen Soldaten angehalten wurde. „Du Nazi, du Nazi“ sagten sie und zeigten auf mein Koppelschloss. Das Koppel war ein Teil der Wehrmachtsuniform, sozusagen ein sehr breiter Gürtel aus dickem Leder. Statt einer Schnalle hatte es ein Koppelschloss mit Metallprägung. Etwa 5 auf 5 cm groß. Das war also der Grund der Aufregung. Offenbar ging es den Soldaten aber weniger um Politik, als um ein Souvenir. Ich übersetzte die Prägung „Mit Gott“, also völlig unpolitisch. Alles nützte nichts – sie hatten ihr Souvenir und ich das Problem, wie ich es mit nur einem intakten Arm hinbringe, dass mir die Hose nicht herunterrutscht. Vielleicht zeigt irgendwo im den USA ein alter Opa seinen Urenkeln dieses Koppelschloss voller Stolz. Souvenir, Souvenir!

Zurück auf dem Marktplatz in Coburg

Und wieder zurück in unsere Tage: Ich besuchte das imposante Rathaus. Auf die überaus nette Dame im Erdgeschoss muss ich schon einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht haben, denn sie überlies mir den Schlüssel zum ehrwürdigen Rathaussaal. „Nehmen sie die rechte Tür, da ist das Schloss besser.“ Moderne Technik und alte Bausubstanz hat man hier vorbildlich zusammengeführt. Dann stand ich in einem der prachtvollen Erker (In der Kunstgeschichte sind "Coburger Erker" ein fester Begriff). Ich blickte herunter zu dem bunten Treiben auf dem Marktplatz und auf das gegenüberliegende stattliche Haus. Die Steinfiguren am Dach waren damals, zumindest zum Teil, kopflos. Im Übermut sollen beim Einmarsch amerikanische Soldaten Zielübungen nach ihnen gemacht haben. Mit Erfolg. Die Amerikaner waren eben auch keine Chorknaben.

Im Rathaus hatte ich 1945 vorgesprochen, um einen Bezugsschein für ein Paar Schuhe zu bekommen. Wurde abgelehnt, denn ich hatte ja Schuhe an. Das stimmte, aber der linke Schuh hatte die Größe 41, sein rechter Bruder dagegen die Schuhgröße 43. Das war leicht zu erklären. Im Lazarett waren viele Beinamputierte. Sie benötigten nur einen Schuh. Der andere wanderte in eine Kiste im Turnsaal. Da bediente ich mich.

Eine Adventsfeier im Keller der St. Moritzkirche, auch eine bleibende Erinnerung. Mein Freund geigte und stützte dabei seinen Beinstumpf auf eine Krücke. Es gab Heißgetränk und Stollen. Frauen der Kirchengemeinde bedienten. Die Gäste – Heimatlose, Staatenlose, Herumtreiber. Hoffnungslose. Aber auch ein junger Mann mit wachem Geist. Der war ich.

Inzwischen bin ich wieder daheim im nördlichen Schwarzwald. Letzten Monat erhielt ich einen höfflichen Brief der Stadt Coburg. Es war ein Strafzettel wegen falschem Parkens. Mein mulmiges Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Ort: Coburg Allee/Keller. Da blitzte noch einmal die Erinnerung auf. Hier in der Gegend hat sie gewohnt, ein dunkelblondes Mädchen. Sie erzählte so begeistert vom Dienst beim BDM. Jetzt dürfte sie auch um die 90 Jahre alt sein.

Ein Schlusssatz: Coburg hat mir so gut gefallen, dass ich gern einmal wiederkomme.

 

 



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Quellen

Werner Fischer


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Kategorien: Artikel von Bürgern | Nachkriegszeit

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letzte Aktualisierung am 22.01.2015 12:34:13


 

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