Zeitzeugen berichten

Klettersport im Wandel der Zeit: Erinnerungen von Horst Fischer

52414 In den 50er Jahren: Kletterer in der Fränkischen Schweiz - Barfuß und mit Wollmütze.

Abseilen im Dülfer-Sitz an den Steinfelder Türmen (Fränkische Schweiz). Der Coburger Kletterer Thomas Oursin an den Burglesauer Kletterfelsen (Fränkische Schweiz), ca. 1949. Foto: Archiv Sektion Coburg/DAV, Gerd Martin.

Freeclimbing, On Sight-Klettern und Bouldern sind Begriffe aus dem modernen Klettersport, die man vor hundert Jahren noch nicht kannte. Damals galt es noch, die Felsen-Türme in der Fränkischen Schweiz, dem Klettergebiet der Coburger, zu erobern.

Eine Seilschaft bezwang im Jahr 1909 durch Seilwurf den Rotenstein. An einen dünnen Strick wurde ein Stein befestigt, dieser wurde über den Felsenturm geworfen, darauf zog man ein stabiles Hanfseil hinterher und konnte so den Gipfel bezwingen. Nach dem Besteigen der Türme begann man an den Wänden zu klettern. Man band sich in ein Hanfseil ein und kletterte meist barfuß oder mit Schuhen, die eine Hanfgeflechtsohle hatten. Bei einem größeren Sturz war die Gefahr groß, dass das Seil der Belastung nicht standhielt und riss. Viele tödliche Unfälle ereigneten sich – Gedenktafeln an den Felsen der Fränkischen Schweiz sind tragische Zeugen dieser Zeit.

In den 40er Jahren schlug man zur Sicherung erste Haken in die Risse. Oft wurden sie selbst geschmiedet. Erst als 1956 das Kernmantelseil aus Perlon erfunden wurde, hielten die Seile auch größere Stürze aus.

Im Coburger Alpenverein gab es schon von Anfang an eine kleine Gruppe von Bergsteigern, die mit den Fahrrädern zur Jurahütte bei Wattendorf fuhren, um dort an den nahen Felsen zu klettern. Es wurde immer schwerer geklettert, aber eine Regel galt: Auf keinen Fall stürzen, denn mit der obligatorischen Schultersicherung war der Partner nur schwer zu halten. Kam es trotzdem zum Sturz und man hatte ihn glücklicherweise schadlos überstanden, war im nächsten Wirtshaus eine „Fliegermaß“ fällig.

Mitte der 70er Jahre wurde das Klettern immer sicherer: die Bohrhaken hielten, die Seile wurden immer besser, die Alukarabiner waren leicht und stabil, man sicherte dynamisch und verwendete einen Sitzgurt. Unter diesen Voraussetzungen entwickelte sich ein neuer Kletterstil – das so genannte „Rotpunktklettern“. Man wollte frei, das heißt ohne Verwendung von künstlichen Hilfsmitteln, klettern und die Haken dabei nur zur Sicherung verwenden. 1975 prägte Kurt Albert in der Fränkischen Schweiz diese neue Klettertechnik. Inzwischen ist daraus ein weltweiter Kletterstil geworden, der auch beim 12. Schwierigkeitsgrad sicher noch kein Ende gefunden hat.


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Quellen

Horst Fischer, Sektion Coburg des Deutschen Alpenvereins (DAV). Bilder: Archiv Sektion Coburg des Deutschen Alpenvereins (DAV). Archiv Sektion Coburg des Deutschen Alpenvereins (DAV), Gerd Martin.


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Kategorien: Lesebuch 7 "Sport" |

letzte Aktualisierung am 23.11.2015 09:00:42